Perspektivwechsel
Am 25. November 2025 hielt ich im Zwickauer Salon, der ein Begegnungsort christlicher Akademiker ist, den Vortrag zum Thema: „Mit Perspektivwechsel zur Vision der Versöhnung“. Acht Punkte des Vortrages werde ich komprimiert für meine Webseite veröffentlichen.
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Das evangelisch-lutherische Verständnis der Beichte, Buße und Versöhnung sind Zeichen des mündigen Protestantismus
Beichte wird entweder als persönliche Einzelbeichte oder als gemeinsame Beichte öffentlich in Gottesdiensten praktiziert. Dabei werden die erkannte Schuld und Sünde beim Namen genannt, denn sie führten zu einer Trennung von Gott. Es wird Reue gezeigt, um Gnade gebeten und versprochen, sich zukünftig zu bessern. Darauf wird die Vergebung (Absolution) im Namen des drei einigen Gottes zugesprochen. Die Absolution muss nicht unbedingt von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer vorgenommen werden. Zusammengefasst: Vergebung geschieht allein vom gnädigen und barmherzigen Gott und seinem Sohn Jesus Christus. Sie ist immer segensreich!
Buße kann als innerer Prozess des Herzens, der von Gott ausgelöst wird, umschrieben werden. Mit der Reue erfolgte die Rückkehr hin zu Gott. Sie löste damit einen Neuanfang oder eine Neugeburt aus. Gott schenkt dem Büßenden seine Versöhnung, die wie eine Wiedergeburt ist. Der Versöhnte wird damit ermutigt, selbst das Erlebte auf die Erde zu tragen. Er wird beginnt, Versöhnung zu leben, Gerechtigkeit zu üben, Frieden zu stiften und barmherzig zu sein. Wenn Gläubige sich so in der Welt verhalten, da werden sie rasch zu Außenseiter, Querulanten und Märtyrer. Zusammengefasst: Buße ist das Zurückkehren zu Gott und befähigt den Gläubigen, selber zukünftig Versöhnung zu leben.
In der St. Marienkirche Zwickau blieben zwei protestantische Beichtstühle, die sich links und rechts des Marienaltars befinden, erhalten. Sie symbolisieren das lutherische Verständnis der Beichte, dass kein Sakrament wie bei den Katholiken ist.
Um das Jahr 1632 wurden sie errichtet. Die Beichtende oder der Beichtende sitzen mit dem Pfarrer auf Augenhöhe nebeneinander als Zeichen der gleichen Stellung vor Gott. Es gibt keine Hierarchie in der Kirche. Die geschnitzten Abschirmungen garantieren die Vertraulichkeit und die Anonymität. Die Bibelzitat erinnern an die Wunderkraft der Versöhnung Gottes.
Der Hauptaltar entstand 1479 in der Werkstatt von Michael Wohlgemuth aus Nürnberg.
https://de.wikipedia.org/wiki/St._Marien_(Zwickau)
Er erinnert an getaufte Frauen der Frühchristenheit. Wegen ihrer Standhaftigkeit des Glaubens wurde sie diskriminiert, verfolgt und grausamst umgebracht. Sie werden als Märtyrerinnen gewürdigt, verehrt und sogar als Heilige angesehen. Sie zählen mit zu den Vorbildern christlichen Glaubens! -
Für mich wurde die Landesbischöfin der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland, Ilse Jungermann, zu einer Art Brückenbauerin der Versöhnung. Ihr gelang es mit anderen kirchenleitenden Geschwistern, dass sich eine echte Versöhnung zwischen der Landeskirche Mitteldeutschlands und dem Pfarrer Jürgen Hauskeller entwickeln konnte.
Hier einige Links zum geschehenen Wunder an Hauskeller:
https://www.meine-kirchenzeitung.de/sprengel-erfurt/c-aktuell/bussandacht-zu-ddr-unrecht_a56960
https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:89f7774d8311369c/
https://audiodienst.de/mediathek/antenne-thueringen/2025/06/15/von-stasi-und-kirche-bedraengt-und-verraten-bussandacht-mit-bischoefen-zu-ddr-unrecht-und-juergen-hauskeller/41940
https://www.ekmd.de/presse/pressestelle-erfurt/bussandacht-der-mitteldeutschen-kirche-zum-ddr-unrecht.html
Seit 2025 bemühte sie sich als Emeriti um Gesprächsanbahnungen mit dem sächsischen Landesbischof, Tobias Bilz, und mir, da seit Jahren Funkstille besteht. Seitdem habe ich die Vision, dass sich Ähnliches auch in Sachsen ereignet. -
Mein Dank an die Landeskirche ist Versöhnung.
Seit der vorzeitigen Ruhestandsversetzung im Jahr 1999 erhielt ich regelmäßig meine Ruhestandsbezüge, konnte frei, eigenständig und ohne Dienstzwänge mein Glaubensleben gestalten. Ich konnte über Zeitzeugengespräche und Aktenrecherchen Vorbilder des christlichen Glaubens der jüngsten Kirchgeschichte in vielfältigster Weise aufarbeiten. Es entstanden Dokumentationen, Ausstellungen und fächerübergreifende Schulbücher. Ebenso gedruckte Publikationen:
„Das Fanal von Falkenstein“,
„Zumutbare Wahrheiten“,
„Lange Schatten meiner Stasi-Bearbeiter“,
„Der Wahn der reinen Rasse“.
Zudem konnte ich auch als Religionslehrer in etlichen Gymnasien Sachsens wirken wie: Gerhart-Hauptmann und Clara-Wieck in Zwickau (CWG), Christoph-Graupner-Gymnasium in Kirchberg, Johann-Gottfried-Herder in Schneeberg, Goethe in Reichenbach, Gotthold-Ephraim-Lessing in Kamenz, Wilhelm-Ostwald-Gymnasiums in Leipzig, Sandberg-Gymnasium in Wilkau-Haßlau, Berufliches Schulzentrum in Werdau. Religionsschülerinnen und -schüler haben sogar eigene Dokumentationen zu regionalen Vorbildern christlichen Glaubens der NS- und DDR-Zeit erstellt. Für die Möglichkeit der Aufarbeitung danke ich der Landeskirche! Damit wurde meine Arbeit zu einem Dienst für die Gesamtchristenheit. - Versöhnung mit der Ausstellung „Die Bibel in unserer Region“.
Das Andachtsbild des Pietismus aus dem 19. Jh. „Der breite und der schmale Weg" inspirierte damals den ökumenischen Arbeitskreis. Er konzipierte eine Ausstellung, in der auf Dokumentationstafeln Christen als Art „lebende Bibel“ in den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts aus heutiger Sicht (Perspektivwechsel) dargestellt wurden.
Die Ausstellung konnte in den Jahren von 2002 bis 2013 an 80 Orten Deutschlandes in neun Bundesländern präsentiert werden.
Die Eröffnungen fanden stets mit feierlichen Vernissagen statt.
Oft wurden während der Zeit der Ausstellung Begleitprogramme organisiert.
Die geschätzte Besucherzahlen war weit über 100 000 Besuchern.
An einigen Orten wurde sogar von Schülerinnen und Schülern selbst begonnen, nach Christen als „lebende Bibel“ ihrer Region zu recherchieren und die Ergebnisse zu dokumentieren.
Teile der Ausstellung sind dem Martin-Luther-King-Zentrum in Werdau zur Archivierung übergeben worden. -
Akt der Versöhnung bei der Zwickauer Thora
Zur Pogromnacht 1938 retteten Schüler Teile der Thora vor der Vernichtung. Sie konnte in der Ratsschulbibliothek versteckt werden. Die Thorafragmente sind zur Bibelausstellung auf der Burg Schönfels erstmalig in einer besonderen Vitrine öffentlich gezeigt worden.
Da die Thora kein Eigentum der Ratsschulbibliothek war, wurde sie am 22. Juni 2003 in einem Festakt im Zwickauer Museums der jüdischen Gemeinde Chemnitz übergeben. Dazu war extra aus Dresden der katholische Bischof Reinelt gekommen, um an diesem Geschehen der Thora-Übergabe als Akt der Versöhnung dabei zu sein. Jedoch der sächsische Bischof nahm daran nicht teil.
Landesrabbiner Salomon Almeklas-Siegl (links), OB Zwickau, Dietmar Vettermann und Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Chemnitz, Siegmund Rotstein -
Versöhnung mit den Opfern der Sterilisation und „Euthanasie“ während des Nationalsozialismus"
In einem Schülerprojekt des CWG entstand dazu eine Ausstellung.
Das CWG-Team der Ausstellung
Von 2006 bis 2011 konnte die Ausstellung an 23 Orten Deutschlands präsentiert werden.
Neben der Ausstellung hat sich das fächerübergreifende Schulbuch „Tu deinen Mund auf für die Schwachen“ entwickelt.
Dazu konnte eine Datei von 3470 recherchierten Opfern der NS-Zwangssterilisationen und „Euthanasie“ erstellt werden. Somit können Hinterblieben der Opfer und auch Forscher detaillierte Antworten vom Leben und Tod der Umgebrachten erhalten. Bis heute gehen Anfragen bei mir ein.
Alle Dokumente, Unterlagen und Akten sind dem Archiv der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein mit einem Depositalvertrag übergeben worden.
Das Erinnern an diese Opfer, sie zu würdigen, zu ehren und vor dem Vergessen zu bewahren, ist ein Akt der Versöhnung!
- Versöhnung über Frauen zu den drei monotheistischen Buchreligionen
Der Lehrplan des evangelischen Religionsunterrichts sah vor, auch weitere Religionen zu behandeln. Als Lehrer bemühte ich mich, den Schülerinnen und Schüler nicht nur Buchwissen zu vermitteln, sondern dass praktizierende Gläubige als lebende Zeitzeugen ihre Religion selbst vorstellten. Was sie sagten, das war authentisch, echt und ehrlich. Sie schilderten u.a., was ihnen der Glaube bedeutete, wie der Alltag durch Riten bestimmt wird, welche Hoffnung sie von der Zukunft haben, oder wie es nach dem Tod weitergehen werde.
Beim Judentum, Christentum und Islam lud ich Frauen ein. Sie erzählten eindrücklich, wie ihr Glaube ihr Leben bereicherte und sinnvoll machte. So entwickelte sich 2017 das Projektes einer interreligiösen Bildung, um mit Podiumsdiskussionen sowohl in Schulen als auch in die Westsächsische Hochschule Zwickau (WHZ) zu gehen. Öffentlich sollte ein Zeichen der Versöhnung gesetzt werden, wie Glaubende der Buchreligionen aufeinander zugehen. Jede betrachten ja Abraham als ihren Stammvater. Akzeptanz und Toleranz wurde sichtbar und strahlten zur Nachahmung aus. Solche Diskurse, die von Frauen verantwortet wurden, gab es in der Bundesrepublik noch nie!
(von links nach rechts) - Reingard Al Hassan, Direktorin der Hochschulbibliothek an der WHZ - Ivonne Abd El Kader, Muslima, Sozialarbeiterin - Barbara Siegel, Christin, Diplom Sprachmittlerin - Dr. Ruth Röcher, Jüdin, Vorsitzende der Gemeinde Chemnitz - Dr. Edmund Käbisch, Pfarrer i.R.
Im Jahr 2020 wurde sogar mit einer Fortbildungsveranstaltung zu diesem Thema begonnen. Dazu sind aus der Region Lehrkräfte der Fächer Ethik, Religion, Gemeinschaftskunde, Deutsch und offen für alle interessierte Teilnehmer in die WHZ eingeladen worden. Die Moderatorin war die Ethik Fachberaterin Sylke Seifert-Braband. Die erste Podiumsdiskussion stieß auf größtes Interesse. Das ermutigte zum Weitermachen. Aber dann kam die Corona-Zeit und weitere Fortbildungsangebot kam zum Erliegen. zum Erliegen. - Versöhnungsbemühungen im Konziliaren Prozess vor 1989
Wunder mit Widerhaken
Die Kirche ist stolz auf die Friedliche Revolution – doch vor dem Herbst 1989 wurden die Unruhegeister der Friedens- und Umweltgruppen in Gotteshäusern nicht immer gerngesehen. Dieser Riss schmerzt in Zwickau bis heute.
Susanne Trauer (li.) und Pfarrer Edmund Käbisch (oben re.) bereiteten 1989 das erste Friedensgebet im Zwickauer Dom St. Marien vor. © Steffen Giersch
Am Feierabend des 13. Oktobers 1989 fährt der Ingenieur Alfred Brunner in die Wohnung des Zwickauer Dompfarrers Edmund Käbisch. Er müsse ihn unbedingt sprechen, hatte der seit Monaten erkrankte Geistliche dem Kirchvorsteher am Telefon gesagt. Käbisch drückt Brunner einen zweiseitigen Antrag für die abendliche Sitzung des Domkirchenvorstandes in die Hand. Inhalt: Die Skizze für ein Friedensgebet am kommenden Montag 17 Uhr, das Wort Demonstration steht im Raum.
Vier Tage zuvor hatte Käbisch, frisch von der ersten Leipziger Großdemonstration gegen die SED-Diktatur am Vorabend zurück, in der überfüllten Friedensbibliothek zu einem Montagsgebet auch in Zwickau aufgerufen. Zu provinziell, zu ruhig, zu leise war es ihm hier. Starker Beifall. Kirchvorsteher Brunner hört davon zum ersten Mal. Und erschrickt. »Wollt ihr, dass in Zwickau jetzt der Terror losgeht?«, fragt er den hoch gewachsenen Pfarrer.
Und dann erzählte ihm der kleinere, bärtige Kirchvorsteher etwas. Von 1966. Davon, wie ihn die Stasi ein Jahr lang verfolgte, immer wieder in Autos zerrte, verhörte. Der Vorwurf: Beihilfe zur Republikflucht eines Freundes. Diese Angst steckt Brunner in den Knochen. Und das Massaker von Peking war erst wenige Monate her, die Schlagstockeinsätze der Volkspolizei gegen Demonstranten in Dresden, Berlin und Leipzig erst Tage.
»Es wusste ja keiner, dass es friedlich bleibt«, sagt Brunner (72) heute. Es nahm im Großen ein gutes Ende. Und im Kleinen ein böses.
Die Revolution in Zwickau begann mit den Unruhegeistern, irgendwann Mitte der 80er Jahre: junge Menschen, die in der rußigen Trabant-Stadt hungerten nach Leben und Freiheit. Beim Domküster Jörg Banitz stand für sie die Tür stets offen. Beim Dompfarrer Edmund Käbisch gab es freie Diskussionen und Hagebuttenwein.
Zugleich begann sich damit ein Riss zu öffnen: Was hatte das Umwelt-Kabarett dieser jungen Leute mit Kirche zu tun, fragte man in der Gemeinde. Oder das Müllsammeln an der verdreckten Mulde? Oder jener Markt der Möglichkeiten im Januar 1988, auf dem sich all die Umwelt- und Friedens- und Frauengruppen des Konziliaren Prozesses im Domgemeindehaus trafen?
Auf der Suche nach Räumen für eine Friedensbibliothek holten sich die Basisgruppen im selben Jahr reihenweise Absagen aus den Kirchgemeinden. Superintendent Günter Mieth und Kirchenamtsrat Andreas Richter indes hielten ihre Hände über sie.
Und Edmund Käbisch, der Dompfarrer, ein Mann von jener Größe, die seine Umgebung schnell in den Schatten stellt. Er ging einen Schritt weiter: in die Öffentlichkeit. Und das war riskant. »Ich war begeistert von ihm. Er hat eine Riesenbegabung, Menschen zu erreichen, die mit Kirche gar nichts zu tun haben«, erinnert sich der Ingenieur Alfred Brunner, 41 Jahre lang war er stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Domgemeinde. »Aber ich verstand nicht, warum er so auf Konfrontation ging. Ich hatte mich gefreut über die Gespräche zwischen Kirchen und SED und es sah so aus, dass der Staat den Kirchen mehr Freiheit gibt – das wollte ich nicht gefährden.«
An solche Hoffnungen konnten die gut 50 Unruhegeister nicht glauben, die sich – meist jung und christlich – in den Gruppen des Konziliaren Prozesses trafen. »Wir haben Druck gemacht, waren immer spontaner und risikofreudiger als die Älteren«, sagt Susanne Trauer, damals Puppenspielerin und Mitte 20.
Als sich 1988 sonntagabends zu den Gottesdiensten im Dom St. Marien immer mehr Menschen sammelten, die ihre Ausreise aus der DDR beantragt hatten, und Pfarrer Edmund Käbisch sie auch noch zur freien Diskussion aufrief, da war eine Grenze erreicht. Für SED und Staatssicherheit. Aber auch für Kirchenvorstand und Pfarrerkollegen: Die Aufgabe der Kirche sei es doch, Gottes Wort zu verkündigen und nicht die Revolution, warfen sie ihm vor. Käbisch hingegen sah die Revolution in Gottes Wort. Die Diskussionen wurden abgesetzt.
Die Staatssicherheit wollte den Riss in der Kirche für sich nutzen. Am 15. Juli 1988 eröffnete sie den Operativ-Vorgang »Kammer«. Sein Ziel: die »Bearbeitung der Kirchenvorstandsmitglieder«, »um Mehrheiten für entsprechende Beschlüsse gegen das Wirken von Pfarrer Dr. Käbisch kalkulierbar zu machen«. Schon im März zuvor war der Kirchvorsteher Alfred Brunner von seinem obersten Chef, dem Rektor der Ingenieurhochschule und IM Winkler, im Auftrag der Stasi zum Gespräch gebeten worden. Man sprach über dies und das, bis der Rektor ganz beiläufig und im freundschaftlichen Ton auf den renitenten Pfarrer Käbisch zu sprechen kam, an die »ehrliche, christliche Einstellung« des Kirchvorstehers appellierte und an das gute Staat-Kirche-Verhältnis.
Aus Brunners Sicht blieb dieses Gespräch ohne Druck und Folgen. Käbisch dagegen sah nach 1990 darin in aller Öffentlichkeit den Beweis, dass die Stasi den Kirchenvorstand gegen ihn gelenkt habe. »Die nachträgliche Unterstellung, dass Kirchenvorsteher und Pfarrer von der Stasi ferngesteuert wären, ist völlig absurd«, sagt dazu der Mitgründer der Zwickauer Friedensbibliothek, der Elektroingenieur Erwin Killat (81). »Auch auf mich hat der Kaderleiter, ein IM, eingewirkt, ruhig und still zu sein.« Er ignorierte es getrost.
Wahrscheinlich musste der Geheimdienst den Riss in der Kirche gar nicht vertiefen. Er war schon tiefgenug. Theologisch, politisch. Und menschlich. Als Alfred Brunner am 13. Oktober 1989 im Kirchenvorstand den Antrag für ein Montagsgebet im Dom vorlas, erfuhr er, dass sich der Termin längst verbreitet hatte. »Der Kirchenvorstand wusste: Wenn er das Friedensgebet ablehnt, findet es draußen vor dem Dom statt«, erinnert sich Susanne Trauer, die zur Vorbereitungsgruppe gehörte. »Da war klar, dass sie verantwortlich sind, wenn es zu Gewalt kommt.«
Der Kirchenvorstand fühlte sich übergangen, schäumte und bekam es mit der Angst zu tun. Man schickte Pfarrer Rudolf Hübler und Kirchvorsteher Brunner am nächsten Tag, einen Sonnabend, zum Bürgermeister für Inneres. »Wir sind an keiner Auseinandersetzung mit der Staatsmacht interessiert, aber wir können es nicht aufhalten«, hätten sie dem Bürgermeister gesagt, erinnert sich Brunner. »Aber wir erwarten, dass keine Uniformierten im und um den Dom zu sehen sind.«
Man versprach sich gegenseitig, beruhigend einzuwirken. Dompfarrer Käbisch durfte nicht zum Friedensgebet erscheinen. Der Superintendent bedauerte diese Entscheidung später sehr.
Jenes Montagsgebet am 16. Oktober 1989 wurde zum Beginn der Friedlichen Revolution in Zwickau. Die Friedliche Revolution wurde zur Revolution, weil es Revolutionäre gab, Mutige, Kantige, auch menschlich Kantige. Und sie blieb friedlich, vielleicht auch wegen der Ängstlichen. »Uns allen sind in der DDR Rollen zugefallen«, sagt der Christ Erwin Killat, »die wir nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt haben«.
Als die SED gestürzt war, kämpfte Dompfarrer Käbisch weiter. Diesmal hatte er die Akten des Geheimdienstes, nannte Kirchvorsteher und Pfarrer-Kollegen Helfershelfer der Stasi, auch wenn sie keine waren. Das Gift der Diktatur wirkt fort. Viele der Väter und Mütter der Revolution, die aus der Kirche kamen, wiederum fühlen sich wie Susanne Trauer heute fremd in ihr.
»1989 stand doch eine großartige Befreiung im Mittelpunkt und nicht das interne Zerfleischen«, bedauert Erwin Killat. Die einstige Puppenspielerin Susanne Trauer sagt: »Man überlebt das nicht, wenn man nicht einen Sinn für die Ironie der Geschichte hat.
Quelle: DER SONNTAG, Jahrgang 2014, Nr. 40 | 5.10.201 Von Steffen Giersch (Fotos) und Andreas Roth (Text)