Opfergedenken am "Haus Muldenblick"
Vor dem Zwickauer Gedenkstein der Opfer der Zwangssterilisation und „Euthanasie“ am „Haus Muldenblick“ sprach Prof. Dr. Gerd Drechsler (Stellvertreter des Landrates und Stadtrat) Worte der Erinnerung
Prof. Dr. Drechsler während seiner Rede
Um die "Reinhaltung des gesunden Volkskörpers" zu gewährleisten, verabschiedeten die Nationalsozialisten am 14. Juli 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Damit wurde die verheerende und menschenverachtende Grundlage für die Verfolgung, Ausgrenzung und die spätere Ermordung von Menschen mit psychischen Krankheiten und zur Zwangssterilisation von unzähligen, unschuldigen Menschen gelegt. Erinnern, Gedenken und Zusammenkommen in Zwickau - rund um den schicksalhaften und geschichtsträchtigen Monat November blicken wir zurück in die Historie unseres Landes und insbesondere auf das, was in unserer Stadt Zwickau geschehen und zugelassen worden ist. Reichspogromnacht mit Faschismus und Nazitum, friedliche Revolution mit DDR-Geschichte oder der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) in jüngster Vergangenheit sind u. a. Ereignisse, mit denen wir uns auseinandersetzen wollen und auseinandersetzen müssen. Oder anders gesagt: Nationalsozialismus, Diktatur und Menschenfeindlichkeit, und das gilt für damals und gilt mehr denn je auch für heute, DDR-Unrecht, aber auch der Mut der Menschen, sich dagegen aufzulehnen und für Werte einzutreten und sie, diese Werte, auch zu verteidigen, ist das Gebot der Stunde. Leider sind solche Werte wie Demokratie, Frieden oder Menschenwürde für einen Teil unserer Zivilgesellschaft und zwar generationsübergreifend schon zu selbstverständlich geworden und werden leichtfertig dem Populismus, der Demagogie und falschen Narrativen preisgegeben. Oder, wie es der Salman Rushdi, der aktuelle Friedenspreisträger letzte Woche formulierte: „Wir leben in einer Zeit, in der Freiheit auf allen Seiten von reaktionären, autoritären, populistischen, demagogischen, halbgebildeten, narzistischen und achtlosen Stimmen angegriffen wird.“ Demokratie, Frieden, Menschenwürde und der Respekt vor der Schöpfung sind solche Werte, die wir nicht nur retrospektiv reflektieren wollen und können - wir wollen daher auch nicht nur in die Vergangenheit schauen - sondern das Leben in der Zivilgesellschaft in Gegenwart und Zukunft gestalten. Wir müssen schlechte Reden mit besseren Reden kontern, wir müssen falschen Narrativen bessere entgegensetzen, wir müssen auf Hass mit Menschlichkeit und Liebe reagieren und wir dürfen nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Halbwahrheiten und Lügen durchsetzen kann (S. Rushdi). Deshalb ist es gut, wenn wir uns anschließend über den „Wahn der reinen Rasse“ von Medizinern und Rassenideologen des Nationalsozialismus durch ein Buch von Edmund Käbisch einführen lassen. Es ist aber auch gut, wenn der Stadtrat das Anliegen geäußert hat, sich über die Zwickauer Erinnerungskultur zu verständigen und einen zeitweilig beratenden Ausschuss hierzu ins Leben gerufen hat.
- Wie gehen die Menschen in Zwickau mit ihrer Vergangenheit und Geschichte um?“.
- Wie reflektieren wir das Getane und das Unterlassene?
- Was sind Ideen und Visionen für die Zukunft hinsichtlich einer Gedenk- und Erinnerungskultur in Zwickau für die Opfer von Gewalt, und zwar von rechts und von links – nein: besser jeglicher Gewalt?
- In welchen Formen und Formaten gilt es die „Taten“ solcher Gewalt aufzuarbeiten?
All diese Fragen wird sich der Ausschuss und in der Folge die Zivilgesellschaft zuwenden müssen. Lebhaft und modern soll dies geschehen und generationsübergreifend (kommen wir endlich wieder weg von der alt – jung Diskriminierung) sowie divers, nicht dogmatisch, ideologiebehaftet oder elitär. Dazu wünsche ich uns
- viel gedankliche Souveränität,
- einen freiheitlich-liberalen Geist und
- die Unterstützung eines möglichst breiten und repräsentativen Teils unserer Zivilgesellschaft.
Für heute:
Die Erinnerung an die Opfer gehört zu den Säulen von Erziehung zum Frieden und hilft bei der demokratischen Meinungsbildung denen gegenüber, die weiterhin Rassenwahnvorstellungen vertreten.