Das Fanal von Falkenstein.
Eine Studie über die Zersetzung der Kirche durch die Stasi nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Rolf Günther.
Titelbild des Buches von Christian Siegel, Zwickau
Klappentext
Am 17. September 1978 verbrannte sich der
evangelische Pfarrer Rolf Günther während des Sonntagsgottesdienstes in Falkenstein vor den Augen von etwa 300 Gläubigen. Eine Verzweiflungstat in der Kirche, vor dem Altar, vor den Augen der eigenen Gemeinde, anstelle der Predigt – ein Fanal. Die Selbstverbrennung belastete das damals oft beschworene gute Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR, so dass beide Seiten – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Motiven – daran interessiert waren, den Fall Günther nicht an die Öffentlichkeit zu bringen.Die vorliegende Studie rekonstruiert diese Episode der sächsischen Kirchengeschichte und ordnet sie in die politische, kirchliche und religiöse Situation der 1978er Jahre ein. Sie beleuchtet zum einen die Gründe für Günthers Verzweiflungstat, die auch mit der besonderen Situation der ev. Kirche in der DDR und den Aktivitäten der charismatischen Bewegung in Falkenstein zusammenhängen.
Ein weiterer Aspekt ist das Verhalten des Staates und der Stasi. Letztere nutzte die Verzweiflungstat, um neue Methoden der Kirchenbearbeitung einzuleiten. Sie drang geheimdienstlich in die Kirche ein und wirkte auf sie ein, um sie im Sinne des Staates langfristig zu verändern. Mit dem Fanal begann eine neue Ära der konspirativen Kirchenbearbeitung – besonders für die sächsische Landeskirche, die das Ziel hatte, die Kirche zu schwächen und in der Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Die von der Stasi eingeleiteten Maßnahmen haben eine Langzeitwirkung, die nicht zwingend mit dem Untergang des DDR-Regimes aufgehört hat.
Heute scheint die Zeit reif zu sein, die Ereignisse um das Fanal und das schwierige Staat-Kirche-Verhältnis zu rekonstruieren, damit das Fanal von Falkenstein nicht zu dem wird, was die damaligen Machthaber mit ihren konspirativen Aktivitäten beabsichtigten: Das schnelle und folgenlose Vergessen einer Einzeltat.
30. Todestag der Selbstverbrennung des Pfarrers Rolf Günther in Falkenstein am 17. September 1978
Erinnerungsstunde des Freundeskreises vor der Kirchentür "Zum heiligen Kreuz" um 9.30 Uhr (der Todeszeitpunkt von Günther)(Alle Fotos sind privat)
Detlev Hoffman umrahmte die Erinnerungsstunde auf seiner Bratsche und spielte u. a. die Komposition "in memoriam rolf günther" von Renate Käbisch.
Pfarrer i. R. Manfred Elsässer, Schönfels, erinnerte mit einer Auslegung von Bibelworten (Tageslosung) an das Fanal.
Silberschmied Mathias Heck, Chemnitz, erklärte, weshalb sein angefertigtes Kruzifix für die Falkensteiner Friedhofskapelle abgelehnt wurde.
Künstler Christian Siegel, Zwickau, erläuterte seine Grafiken zu dem Buch "Das Fanal von Falkenstein".
Pfarrer i. R. Dr. Edmund Käbisch stellte vor der Kirchentür Symbole, die an die Verzweiflungstat erinnern sollten:
Stacheldraht, eine brennendene Kerze, ein Bild aus der Kirche mit Günthers Transparent "Wacht endlich auf", Auszüge aus Günthers Morgengebet und eine rote Rose.
Pfarrer i. R. Dieter Müller; Rebesgrün, legte einen Blumenstrauß nieder und Pfarrer i. R. Hartmut Dietrich, Rostock, las den letzten Kartengruß Günthers vor.
Nachdem der Freundeskreis die Erinnerungsstunde beendet hatte, wurden die Symbole sofort entfernt wie zum 19. Todestag.
Radio zum 30. Todestag
in memoriamin memoriam Rolf Günther Rolf Günther
Buchlesung "Das Fanal von Falkenstein" in der Stadtbibliothelk Auerbach, 19 Uhr
Eva Lepping, Leipzig, liest u. a. aus dem Nachlass des Superintendenten Johannes Richter letzte Aufzeichnungen von Rolf Günther.
Presseerklärung
Am 17. September 2008 jährt sich der 30. Todestag des Pfarrers Rolf Günther aus Falkenstein. Er hat sich im Jahr 1978 im Gottesdienst anstelle einer Predigt vor versammelter Gemeinde selbst verbrannt. Mit dieser spektakulären wie verantwortungslosen Aktion wollte er seine Kirchgemeinde und die Landeskirche Sachsens wachrütteln. Er meinte, innerhalb seiner Falkensteiner Kirchgemeinde sektenähnliche Erscheinungen entdeckt zu haben, die der landeskirchlichen Ordnung entgegenstünden und aus theologischen Gründen untragbar seien. In diesem Konflikt bekam er keine Unterstützung durch seine Landeskirche. Insbesondere das angestrebte Verfahren der „Nichtgedeihlichkeit“ führte zu der Verzweiflungstat.
Das Fanal von Falkenstein ist noch heute aus drei Gründen von Interesse.
1.) Es gibt einen Einblick in die innerkirchlichen Konflikte in der Zeit des real existierenden Sozialismus.
2.) Es gibt einen Einblick in die Arbeit der Staatssicherheit, die das Ereignis nutzte, um konspirativ in die Landeskirche einzudringen und diese von innen heraus zu zersetzen.
3.) Das Fanal von Falkenstein gibt einen Einblick in das Konfliktmanagement der Landeskirche, der es damals und auch nach der politischen Wende 1989 nicht gelungen ist, die Falkensteiner Ereignisse aufzuarbeiten und das schwierige Staat-Kirche-Verhältnis in der DDR zu thematisieren.
Eine besondere Brisanz bekommt die Wiederkehr des 30. Todestages des Pfarrers Rolf Günther dadurch, dass das damals angestrebte Verfahren der „Nichtgedeihlichkeit“ auf einem Gesetz basiert, das noch heute in der Landeskirche gültig ist und praktiziert wird. Dieses Gesetz wurde in der Nazizeit eingeführt, um unliebsame Beamte und Pfarrer ohne Nachweis eines Verschuldens aus dem Amt zu entfernen. Im staatlichen Bereich wurde das Gesetz nach 1945 abgeschafft, aber die evangelische Kirche handelt bis heute danach.
Am 17. September 2007, also genau vor einem Jahr, hat der Freundes- und Freundinnenkreis zur Erinnerung an Rolf Günther dem Falkensteiner Kirchenvorstand, dem Superintendenten von Auerbach, dem Landeskirchenamt in Dresden und dem Landesbischof vorgeschlagen, im Vorfeld des 30. Todestages „ins Gespräch zu kommen, an dieses Ereignis zu erinnern und sichtbare Schritte einer Versöhnung zu gehen“. Der Freundes- und Freundinnenkreis bedauert es sehr, dass diese Gelegenheit von den genannten Institutionen nicht ergriffen wurde und bis heute keine konstruktiven Gespräche stattfanden, um für den 30. Todestag eine angemessene Form der Erinnerung zu finden.Der Freundes- und Freundinnenkreis lädt daher zum 30. Todestag am 17. September 2008 zu folgenden Veranstaltungen ein:
9.30 Uhr: Erinnerungsstunde vor der Kirchentür „Zum heiligen Kreuz“ in Falkenstein
19 Uhr Lesung aus dem Buch „Das Fanal von Falkenstein“ von Pfarrer i. R. Dr. Edmund Käbisch in der Stadtbibliothek Auerbach. Zur Buchlesung sollen auch neue Dokumente vorgestellt werden, die bei der Veröffentlichung des Buches im Jahr 2007 noch nicht vorlagen.
Am 3. September 2008 erreichte den Freundeskreis die schriftliche Nachricht aus dem Landeskirchenamt, dass parallel zu der bereits langfristig geplanten Buchlesung um 19 Uhr „eine Gebetsstunde unter Beteiligung des Kirchenbezirkes und des Landeskirchenamtes stattfinden“ wird. Erstmalig wird damit von Seiten der Landeskirche an dieses Fanal erinnert. Der Freundes- und Freundinnenkreis begrüßt es sehr, dass damit einer seiner Vorschläge aufgegriffen wurde. Doch bedauert er gleichzeitig, dass weder der Kirchenbezirk noch das Landeskirchenamt im Vorfeld das Gespräch gesucht haben und keine gemeinsame Form der Erinnerung gefunden werden konnte. Durch die um 19 Uhr anberaumte Gebetsstunde wird verhindert, dass Interessierte an beiden Veranstaltungen teilnehmen können.
Literaturempfehlung: Edmund Käbisch, Das Fanal von Falkenstein. Eine Studie über die Zersetzung der Kirche durch die Stasi nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Rolf Günther, Bergisch Gladbach 2007. ISBN: 9783929351279
Zwei Buchlesungen "Das Fanal von Falkenstein"
17. September 2008 - 19 Uhr
Stadtbibliothek Auerbach
Schlossplatz 9
08209 Auerbach
gefördert von der Wilhelm Külz Stiftungund 18. September 2008 - 19.30 Uhr
Stadtbibliothek Zwickau
Dr.-Friedrichs-Ring 19
08056 Zwickau
Bedauernsschreiben ans Landeskirchenamt vom 11. September 2008
"Sehr geehrter Herr OLKR Dr. Münchow,
in der letzten Woche erhielt ich die schriftliche Antwort auf die Schreiben des Freundes- und Freundinnenkreises zur Erinnerung an Pfarrer Rolf Günther. Wir begrüßen sehr, dass in Falkenstein aus Anlass des 30. Todestages „eine Gebetsandacht unter Beteiligung des Kirchenbezirkes und des Landeskirchenamtes stattfinden“ wird. Sie sollen aber auch wissen, dass wir, wie wir es in unserem Schreiben vom 17. September 2007, also bereits vor einem Jahr, angeregt hatten, als Freundeskreis an der Planung, Vorbereitung, Ausgestaltung und Durchführung gern teilgenommen hätten. Unverständlich ist uns die Entscheidung, die Gebetsandacht auf die Zeit der Buchlesung zu legen. Auf diese Weise wird verhindert, dass interessierte Gemeindeglieder an beiden Veranstaltungen teilnehmen können. Es muss zudem bei uns der Eindruck entstehen, dass Sie den Freundeskreis willentlich und wissentlich ausschließen wollen.
Soeben habe ich mit großem Interesse die „Gemeinsame Erklärung der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Falkenstein“ gelesen. Wie schon in Ihrem Schreiben vom 3. September werden darin die Bemühungen der Landeskirche hervorgehoben, die Ereignisse theologisch und geistlich zu thematisieren, was ich sehr begrüße. M. E. muss zu diesen Aspekten der Aufarbeitung die historische treten, wie ich es in meinem Buch zu diesem Thema versucht habe. Des Weiteren bin ich der Überzeugung, dass zur sachgemäßen Aufarbeitung alle Perspektiven miteinander ins Gespräch gebracht werden müssen. Ich kann daher nur nochmals mein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass die Landeskirche Sachsens und die Kirchgemeinde in Falkenstein nicht auf die Vorschläge des Freundeskreises vom 17. September 2007 eingegangen sind.
Gestern Abend ist eine Pressemitteilung, die ich auf diesem Weg dem Landeskirchenamt zustelle, ergangen (s. Anhang). Weiterhin wird eine Buchlesung zum Fanal am 18. September 2008, 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Zwickau, Dr.-Friedrichs-Ring 19, 08056 Zwickau, stattfinden.
Die Erinnerungsstunde vor der Kirchentür am 17. September 2008 ist sowohl dem Ordnungsamt als auch dem Kirchenvorstand bzw. Pfarramt Falkenstein mitgeteilt worden.Mit freundlichen Grüßen
Käbisch"
Offener Brief an die Generalsynode der VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands)
Sie tagte vom 11. bis 14. Oktober 2008 in Zwickau.
Für die Mitglieder der Generalsynode wurde am Sonntag, 12. Oktober 2008, dieser Brief verfasste:Generalsynode der VELKD
z. Z. Tagung im Konzert- und Ballhaus „Neue Welt“
Leipziger Str. 182
08058 ZwickauOffener Brief an die Mitglieder der Generalsynode der VELKD zur Erinnerung an Pfarrer Rolf Günther und zur Aufarbeitung der beiden Diktaturen im 20. Jahrhundert
Sehr geehrte Schwestern und Brüder der VELKD,
die Stadt Zwickau, die nach Wittenberg die Reformation als erste europäische Stadt einführte, wurde bewusst als Austragungsort der diesjährigen 10. Generalsynode der VELKD und als erster sächsischer Veranstaltungsort der Lutherdekade gewählt. Das Hauptreferat „Lutherisch sein im 21. Jahrhundert“ weist in die Zukunft. Das kann nur unterstützt und begrüßt werden, denn die protestantische Theologie soll weiterhin die Menschen zur Bibel führen und damit die Gesellschaft verändern. Sicherlich wird in dem Gedankenaustausch die allgemein-menschliche Weisheit „Zur Zukunft gehört die Erinnerung“ auch eine wichtige Rolle spielen.
Deshalb möchte ich mit diesem offenen Brief an die beiden Diktaturen auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert erinnern. Unter den damaligen Machtverhältnissen war das biblische Bekenntnis unerwünscht und stand den staatlichen Ideologien entgegen. Christen, die gemäß ihrem Gewissen handelten, wurden verfolgt und die anderen, weniger aktiven massiv eingeschüchtert. Die Amtskirchen und kirchlichen Institutionen wurden partiell, je nach Bedarf für politische Zwecke missbraucht. Um einer besseren Zukunft willen muss diese Vergangenheit aufgearbeitet und die Fehlentscheidungen unter staatlichem Druck beim Namen benannt werden, sonst besteht die Gefahr der Wiederholung!Exemplarisch soll in diesem Kontext an Pfarrer Rolf Günther aus Falkenstein im Vogtland erinnert werden. Seine Verzweiflungstat der Selbstverbrennung im Jahr 1978 war eine furchtbare Tragödie für seine Gemeinde und sein privates und kirchliches Umfeld. Heute wissen wir, dass die SED-Machthaber dieses Fanal benutzten, um mit den Methoden der Stasi in die Kirche einzudringen, sie zu zersetzen und langfristig auf sie Einfluss zu nehmen. Zur sachgerechten Aufarbeitung solcher Zusammenhänge gehören alle Quellen. Bisher verweigert die Sächsische Landeskirche jedoch Einsicht in ihre Akten und behindert jedes konstruktive Gespräch, das die ambivalente Rolle der damaligen Kirchenleitung im schwierigen Staat-Kirche-Verhältnis thematisiert.
Deshalb meine Bitte an die Generalsynode:
- Setzen Sie sich dafür ein, dass alle kirchlichen Archive für Forschungsarbeiten zu den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts geöffnet werden.
- Lassen Sie in der Vergewisserung des „Lutherisch sein im 21. Jahrhundert“ auch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen, gegenwärtigen Evangelischen Kirche zu.
- Setzen Sie sich für eine offene Streitkultur in der Kirche ein und lassen Sie in Ihrem persönlichen Umfeld keine Stigmatisierung und Ausgrenzung zu.
Mit geschwisterlichen Grüßen
Käbisch
Buchempfehlungen: Karl Martin/Sabine Sunnus/Ingrid Ullmann (Hrsg.): Berufen – Rufmord – Abberufen. Der Ungedeihlichkeitsparagraf in den evangelischen Kirchen, Wiesbaden-Berlin 2007.
Edmund Käbisch: Das Fanal von Falkenstein. Eine Studie über die Zersetzung der Kirche durch die Stasi nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Rolf Günther, Bergisch Gladbach 2008.
Mit folgendem Anschreiben wurde der Brief der Presse zugestellt:In der Anlage befindet sich der offene Brief an die Mitglieder der VELKD-Generalsynode, die z. Z. im Zwickauer Konzert- und Ballhaus "Neue Welt" tagt.Zur weiteren Information: Heute Abend im Tagensbüro wurde mir nicht gestattet, diesen Brief auf die Tische der Synodalen zu legen oder den Synodalen, die gerade im Foyer beim Abendessen waren, persönlich zu überreichen. Dagegen durfte ich die ca. 85 Kopien des Briefes auf den Informationstisch auslegen, und ein Exemplar sollte dem Vorsitzenden der Generalsynode vorgelegt werden. Er solle entscheiden, ob der offene Brief allen Synodalen ausgehändigt werde.
Buchvorstellung
am 8. Mai 2007, 19 Uhr,
im Landgericht ZwickauMusikalische Umrahmung
Prof. Matthias Eisenberg (Orgel) und Detlev Hoffmann (Violine)
u. a. mit der Komposition "in memoriam Rolf Günther" von Renate Käbisch
Ein Teil der Zuhörer im Landgericht
Prof. Matthias Eisenberg und Detlev Hoffman (Violine) spielten Kompositionen
von Renate Käbisch. Die PowerPoint zum Fanal präsentierte Olf D.
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Bei der Signierung des BuchesWährend der Buchpräsentation wurde folgende schriftliche Erklärung den Zuhörern gegeben:
I. DanksagungZunächst möchte ich die Gelegenheit nutzen, denen zu danken, die meine Studie gefördert und den heutigen Abend ermöglicht haben. An erster Stelle ist hier die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, die durch Angelika Barbe vertreten wird, zu nennen. Zu den Bildungsschwerpunkten der Landeszentrale gehört die Vermittlung von Kenntnissen über politische Strukturen und deren Missbrauch. Die Verzweiflungstat Rolf Günthers am 17. September 1978 ist ein solches Ereignis, das wie in einem Brennglas die Menschenverachtung des DDR-Systems aufzeigt.
Als zweites möchte ich dem Landgericht Zwickau und insbesondere dem Landgerichtspräsidenten Jürgen Kränzlein danken, der nicht nur die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat. Seit der Wende bemüht er sich in vielen Veranstaltungen, die Geschichte der Region aufzuarbeiten. Dabei ist er der festen Überzeugung, dass eine Aufarbeitung zu kurz greift, wenn sie allein juristisch erfolgt.
Als drittes möchte ich den vielen Menschen danken, die mir als Gesprächspartner zur Verfügung standen, um die in den Stasiakten dokumentierte Sicht mit Zeitzeugenberichten zu ergänzen und kritisch lesen zu können. Auf diese Weise ergibt sich ein Gesamtbild der Ereignisse, das ich mit dem vorliegenden Buch zur Diskussion stelle. Der Dank gilt auch all denen, die mich beraten und unterstützt haben. Ohne die Mithilfe vieler wäre das Buch nicht möglich gewesen.
Als viertes möchte ich Kantor Prof. Matthias Eisenberg und dem Violinenspieler Detlev Hoffmann, die u. a. Kompositionen meiner Frau Renate Käbisch zum Erklingen bringen werden, danken. Mit der musikalischen Umrahmung wird symbolhaft deutlich, dass das Fanal auf unterschiedlichster Weise aufgearbeitet werden kann.
Als letztes möchte ich dem Verleger Christoph Lenhartz von der Edition La Colombe danken. Er hat den Text kritisch lektoriert und die Drucklegung betreut, so dass die Ergebnisse meiner Untersuchung in einer angemessenen Form der Öffentlichkeit vorgestellt werden können. Wie viele andere betrachten wir das Buch nicht als Schlussstrich, sondern als Anregung für weitere Untersuchungen und als Diskussionsgrundlage.
II. MissverständnisseIm Vorfeld der heutigen Buchvorstellung ist es zu Missverständnissen gekommen, was das Thema und das Ziel meiner Studie angeht. Auf vier dieser Missverständnisse möchte ich näher eingehen:
1. Ein erstes Missverständnis besteht darin, dass ich die Selbstverbrennung Rolf Günthers zu einer politisch motivierten Tat erkläre. Das Gegenteil ist der Fall. Die vorliegende Studie erbringt den Nachweis, dass ein innerkirchlicher Konflikt in der evangelischen Kirchgemeinde Falkenstein das Motiv für Günthers Selbstverbrennung war. Rolf Günther unterscheidet sich damit grundlegend vom Fall Oskar Brüsewitz, der sich zwei Jahre zuvor aus Protest gegen das sozialistische Schulsystem öffentlich verbrannt hatte.
2. Ein zweites Missverständnis besteht darin, dass ich die für einen Seelsorger gebotene Zurückhaltung missachte. Denn die seelischen Nöte, die Rolf Günther dazu bewogen haben, in einer spektakulären Aktion Selbstmord zu begehen, unterliegen auch nach seinem Tod der Schweigepflicht. In der Tat handelt es sich hier um ein schwieriges Problem, bei dem sorgfältig abzuwägen ist: Auf der einen Seite steht das politische Aufklärungsinteresse, auf der anderen Seite die Persönlichkeitsrechte Günthers. Ich habe das Problem so zu lösen versucht, dass ich konsequent die Perspektive der Stasi auf den Fall Günther rekonstruiere. Die Stasi war nicht an seinen seelischen Nöten interessiert, sondern an den innerkirchlichen Konflikten, um sie in Zukunft für ihre Zwecke nutzen zu können. Die Stasi verschaffte sich über konspirative Methoden ein Bild von der evangelischen Kirche und ihre internen Richtungskämpfe, die theologischer oder politischer Art sein konnten. Dazu wurden u. a. auch Pfarrer, die von der Stasi als IM geführt wurden, eingesetzt. Mit den Erkenntnissen dieser Pfarrer konnte die Stasi dann Aktionen gegen die Kirche einleiten und steuern. Dieses konspirative Räderwerk mit der Missachtung des Menschenrechtes auf Religionsfreiheit steht im Mittelpunkt meiner Untersuchung und unterliegt meines Erachtens nicht der seelsorgerlichen Schweigepflicht.
3. Ein drittes Missverständnis gegen die Aufarbeitung wird damit begründet, ich habe Günther nie persönlich gekannt und weiß nicht, welch schwieriger Mensch er war. Dadurch werden unverantwortlich Tabuthemen öffentlich gemacht und noch nicht verheilte Wunden brechen auf. Jedoch in der Studie bemühe ich mich, keine Schuldzuweisungen vorzunehmen und Verletzungen ernst zu nehmen, indem ich die Selbstverbrennung als historische Tatsache schildere. Sie ist nicht rückgängig zu machen – irreversibel. Diese Einsicht ist ein schmerzlicher Prozess, der aber zur Heilung führt. Ich untersuche die Ursachen, Folgen und Auswirkungen des Fanals. Ich analysiere, weshalb diese Tat zum Politikum wurde. Das Ergebnis der Recherchen lege ich mit der Studie der Öffentlichkeit zur Diskussion vor, so wie es in der Demokratie üblich ist.
4. Ein weiterer Einwand gegen meine Arbeit besteht darin, dass ich mit meinem Wissen, dass ich mir durch Aktenstudium und Gespräche angeeignet habe, unverantwortlich in der Öffentlichkeit umgehe. Hinter diesen Einwänden steht die berechtigte Sorge, dass es zu einer Art rückblickender Siegerjustiz kommt, die die damalige schwierige Situation verkennt und heute neues Unrecht schafft. Ich habe diese Sorge so zu berücksichtigen gesucht, dass ich mich an die Vorgaben des Stasiunterlagengesetztes gehalten habe. Hier ist in einer verantwortlichen Weise geregelt, welches Wissen schutzwürdig ist und welches nicht.
III. Thesen1. Im Mittelpunkt der Studie steht nicht die Person Rolf Günthers und sein unverantwortlicher Selbstmord, sondern die Zersetzung der Kirche durch die Stasi nach dessen Selbstverbrennung. An fünf Beispielen möchte ich zeigen, wie perfide die Stasi, die im Auftrag der SED handelte, vorging und religiöse Gefühle missachtete. Anhand der Akten, die ich in staatlichen Archiven einsehen und auswerten konnte, wird rekonstruiert, dass die Selbstverbrennung von den SED-Machthabern instrumentalisiert wurde. Die Stasi erkannte, dass es innerkirchliche Spannungen gab, die sie für ihr Ziel, die Kirche in eine Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen, nutzen konnte. Die dahinter stehende Logik lautete: Wenn es uns gelingt, dass die Gemeinden mit sich selbst und ihren innerkirchlichen Problemen beschäftigt sind, dann werden sie uns am wenigsten gefährlich. Der Focus der Studie liegt auf diesen Methoden der Stasi, die sie nach dem Fanal entwickelte, um die Kirche wirkungsvoller bekämpfen zu können. Diese und andere subtile Machtstrukturen aufzudecken ist das zentrale Anliegen.
2. In Falkenstein wurden verleumderische Hetzschriften in Umlauf gebracht, zum einen Aushänge, zum anderen anonyme Schriftstücke, die an kirchenleitende Persönlichkeiten verschickt wurden. Die Kirche sollte verunsichert werden und selbst Strafanzeige zur Aufklärung dieser strafbaren Handlungen stellen. Als das geschah, hatte die Stasi freie Hand, legal und offiziell in kirchliche Angelegenheiten einzudringen.
3. Die Stasi benutzte den IM „Henry Jäger“, der der Freund und Alleinerbe von Rolf Günther war, dazu, in die Bundesrepublik zu reisen, um dort konspirative Kontakte zu Politikern, Wirtschaftsleuten und Kirchenfunktionären herzustellen und Informationen für die Stasi zu sammeln.
4. Nach dem Fanal begann die Stasi systematisch neue Strukturen und Methoden der Kirchenbearbeitungen aufzubauen. Die Referenten für Kirchenfragen auf dem Rat des Bezirkes wurden mit Stasi-Offizieren (OibE) besetzt. Dadurch konnten Pfarrer und Kirchenleitung getäuscht werden, weil keiner wusste, dass das Gegenüber von der Stasi gesteuert wurde und alle Informationen sofort der Stasi übermittelt wurden. Die OibE arbeiteten u. a. mit Vergünstigungen und Bestechungen, um Pfarrer abhängig und hörig werden zu lassen. Weiterhin hatten sie die Aufgabe, bestimmte „progressive“ Pfarrer wie IM zu führen. Damit war das Referat für Kirchenfragen eine Außenstelle der Stasi und die Akten, die im Staatsarchiv Chemnitz erhalten geblieben sind, sind Stasiakten.
5. Diese intensive Kirchenbearbeitung, bei der die neuesten Erkenntnisse der Psychologie umgesetzt wurden, war auf Langzeitwirkung ausgerichtet. Innerhalb der Kirche sollte eine Art „fünfte Kolonne“ aufgebaut werden. Bestimmte Pfarrer sollten systematisch und feinfühlig dazu gebracht werden, ihren eigenen und freien Willen abzulegen, von sich aus im Sinne des Staates zu handeln, „feindlich negative“ Pfarrer zu disziplinieren, diese auch in die Schranken zu weisen und Basisgruppen innerhalb der Kirche keinen Raum zu geben. Die Kirche sollte von innen heraus zersetzt werden. Diese Denk- und Handlungsweise zählt nicht nur meiner Ansicht nach zu den Spätfolgen der einstigen Kirchenbearbeitung.
IV. „Zur Zukunft gehört die Erinnerung“ – ZukunftsperspektivenVergleicht man die heutige Erinnerung an Rolf Günther mit der an Oskar Brüsewitz, so fallen Unterschiede auf: Brüsewitz hat schon mit dem im Jahr 1977 gegründeten Brüsewitz-Zentrum einen Ort gefunden, in dem seine Geschichte im Kontext des DDR-Unrechtsstaates aufgearbeitet wurde. Seitdem sind zahllose Artikel erschienen, und der Katalog der Deutschen Bücherei Leipzig zählt allein 11 Monographien, die sich mit seinem Fanal beschäftigen. Heute gibt es vor der Kirche in Zeitz ein Denkmal, das an seine Tat erinnert, und zum 30. Jahrestag seiner Selbstverbrennung fand ein Gedenkgottesdienst unter Anwesenheit des Landesbischofs der Kirchenprovinz Sachsen statt.
Es gibt sicher viele Gründe, warum Rolf Günther bis heute nicht die Aufmerksamkeit wie Oskar Brüsewitz gefunden hat. Für diese Diskrepanz könnten drei Gründe maßgebend sein: Mit Brüsewitz wurden bereits die politischen Verhältnisse in der DDR aufgearbeitet, so dass man nicht ein zweites Beispiel braucht, um den Unrechtsstaat zu erkennen. Ein zweiter Grund könnte auch darin bestehen, dass Staat und Kirche 1978 übereinkamen, den Fall Günther als innerkirchlichen Unfall zu behandeln, der zudem unter die seelsorgerliche Schweigepflicht fällt. Es scheint, dass die damalige offizielle Sprachregelung bis heute wirkt. Ein dritter Grund könnte schließlich darin bestehen, dass Brüsewitz gegen den DDR-Staat protestierte, Günther hingegen gegen Missverständnisse in der sächsischen Landeskirche. Brüsewitz bestätigt damit ein Selbstbild von Kirche, die geschlossen gegen den SED-Staat in Opposition ging, während Günther eher die innere Zerrissenheit vieler Gemeinden und Landeskirchen dokumentiert.
Was in der Kirchenprovinz Sachsen möglich ist, sollte meines Erachtens auch für die sächsische Landeskirche handlungsleitend sein. Dazu vier konkrete Vorschläge:
1. Am 17. September 2008 jährt sich die Selbstverbrennung Günthers zum 30. Mal. Aus diesem Anlass könnte ein Gedenkgottesdienst – eventuell unter Anwesenheit des Landesbischofs – in Falkenstein stattfinden. Das wäre ein sichtbares Zeichen dafür, dass Rolf Günther nicht mehr vor der Tür der Kirche liegt.
2. In Falkenstein sollte wie in Zeitz ein angemessener Ort geschaffen werden, der an die Selbstverbrennung erinnert. Dabei geht es weniger um ein Denkmal, sondern um eine Art Ausstellung, die sich mit den schwierigen Verhältnissen in der DDR am Beispiel von Rolf Günther beschäftigt. Diese Aufarbeitung könnte von Schülern, Konfirmanden oder Jugendlichen der Region als konkretes Projekt erarbeitet werden.
3. Neben der notwendigen Erinnerungsarbeit gehört zudem die weitere Aufarbeitung in der Landeskirche. Dabei ist es wichtig, dass möglichst viele Perspektiven miteinander ins Gespräch gebracht werden, d. h. ehemalige Gemeindeglieder, Pfarrer, Freunde, Vertraute, die Kirchenleitung, der damalige Bischof, Stasi-Bearbeiter, SED-Funktionäre, Historiker. Denkbar ist die Form eines Symposions, auf dem jeder seine Sichtweisen darlegen und auch seine Verletzungen aussprechen kann. Denkbar ist auch die Form eines Sammelbandes, in dem die unterschiedlichen Perspektiven dokumentiert werden. Herr Christoph Lenhartz hat sich dazu bereit erklärt, die Ergebnisse eines solchen Symposiums bzw. den Sammelband in sein Verlagsprogramm aufzunehmen.
4. Weiterhin sollte die Landeskirche die Aufarbeitung ihrer Geschichte aktiv vorantreiben. Denkbar ist, dass sie an der Theologischen Fakultät Leipzig wissenschaftliche Examensarbeiten oder Promotionen zu diesem Thema anregt und unterstützt. Es geht dabei auch darum, dass angehende Pfarrer die Geschichte ihrer Landeskirche und die Konflikte in ihren Gemeinden kennen lernen, die teilweise noch heute schwelen.
Aus der Freien Presse vom 10. Mai 2007
Zusammenfassung:
1. Pfarrer Rolf Günther, der eine lebensnahe und weltoffene Gemeindearbeit leistete, stand im Widerspruch zu der Frömmigkeit der Volksmission (Charismatiker), die besonders von den beiden Pfarrkollegen Siegfried Gneuß und Helmut Hampel gelebt wurde. Sie praktizierten die so genannten Geistesgaben Gottes wie Krankenheilung durch Handauflegen oder Gebet, Zungenreden, Prophetie, Befreiung von satanischen Mächten durch Exorzismus. Diese Frömmigkeit entsprach nicht Günthers Bibelverständnis: Er hielt sie für sektiererisch. Er setzte sich zur Wehr, sammelte aber keine Gleichgesinnten um sich. Er wollte keine Gemeindespaltung und wandte sich daher an seine Dienstvorgesetzten. Er erhoffte sich von dort Änderung und Hilfe. Das Landeskirchenamt und der Bischof schenkten diesem theologischen Konflikt nicht die nötige Aufmerksamkeit, so dass sich Günther allein gelassen fühlte. Er sah sich selbst als Verfechter des wahren evangelischen Glaubens in seiner Gemeinde, nachdem er vom Kirchenvorstand mehrheitlich als Pfarrer wegen Nichtgedeihlichkeit abgewählt wurde. Die Verzweiflungstat der öffentlichen Selbstverbrennung bereitete er bewusst vor. Damit wollte er ein Zeichen seines standhaften Glaubens setzen. Das Plakat "Wacht endlich auf!" weist auf den bestehenden Frömmigkeitskonflikt hin, der nach seinem Tod in Günthers Sinne gelöst werden sollte. Was damals geschah, kann heute mit dem Wort Mobbing ausgedrückt werden.
2. Nach der Selbstverbrennung am 17. September 1978 waren sich die DDR-Staatsorgane und die evangelische Kirche einig, keine Parallelen zu dem Fall Oskar Brüsewitz zu ziehen und die Öffentlichkeit nur begrenzt zu informieren. Das vermeintliche gute Staat-Kirche-Verhältnis sollte erhalten bleiben. Von den wahren Hintergründen erfuhr die Öffentlichkeit nichts. Die unsachgemäße Information wird von Seiten der Kirche bis heute beibehalten, so dass der innerkirchliche Konflikt Günther zu seiner Verzweiflungstat trieb, vor allem aber dessen Instrumentalisierung durch die Staatssicherheit nicht bekannt wurde. Neben dem Ermittlungsverfahren benutzte die Stasi diesen Vorfall, Meinungen und Stimmungen der Bevölkerung zu sammeln und sich einen Überblick von der Frömmigkeit in der Kirche zu verschaffen. Sie beobachtete die Berichterstattung der Westmedien, die Beerdigung, die Gedenkveranstaltungen, die Reaktionen der Kirchenleitungen und der Synoden. Sie wollte laufend, rechtzeitig und umfassend informiert sein, was innerhalb der Kirche, die sie als potentiellen Feind betrachtete, geschah.
3. Im Oktober fand eine anonyme Plakataktion statt, die dazu aufrief, die Mörder und Teufelsaustreiber aus Falkenstein zu verjagen. Daraufhin regte die Kirche ein Ermittlungsverfahren an. Das gab der Stasi die Möglichkeit, offizielle Ermittlungen innerhalb der Kirche anzustellen und in ihre Arbeitsaufgaben legal einzudringen. Weiterhin inszenierte die Stasi eine anonyme Briefaktion, um die kirchlichen Führungskräfte zu verunsichern und einen Frömmigkeitsstreit auszulösen. Der Einfluss der Kirche sollte geschmälert werden. Die Stasi entwarf Maßnahmepläne, um den Differenzierungsprozess innerhalb der Kirche weiter zu forcieren. Dabei haben sich auch Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter als IM (sogar ein Zeuge Jehova) einbinden lassen. Die Frömmigkeit der Gläubigen wurde benutzt, um innerhalb der Kirche einen Kampf zu entfachen. Die Einheit und Geschlossenheit sollte auseinander brechen. Sogar der Freund und Alleinerbe Günthers wurde als IM in das "Operationsgebiet BRD" lanciert. Die Vorgehensweise der Stasi ist von der Partei gebilligt und unterstützt worden. Sie wurde laufend über die Entwicklung und die aktuellen Ereignisse informiert.
4. Die Falkensteiner Ereignisse nahm die Stasi sogar zum Anlass, in die Gruppen der Volksmission einzudringen. Sie wollte von dieser praktizierten Frömmigkeit auswertbare Informationen erhalten und das Fehlverhalten der Kirche vorhalten. Die Landeskirche sollte so zu staatskonformen Entscheidungen genötigt werden. Bei der Informationsgewinnung haben sich auch wissentlich Pfarrer einsetzen lassen. Es fanden entsprechende Staat-Kirche Gespräche statt, die von der Stasi vorbereitet und ausgewertet wurden. Es wurde eine Art Geheimdiplomatie betrieben, die nicht öffentlich wurde, obwohl die Landeskirchen synodal und somit demokratisch verfasst waren. Zwar ist es den Staatsorganen nicht gelungen, die Kirche direkt zu steuern, aber es wurde zunehmend das Ziel erreicht, die Partei als staatstragende Macht anzuerkennen und Konflikte nicht öffentlich werden zu lassen. So verringerte sich das Vertrauen vieler Christen zu ihrer Landeskirche, und es entstand eine Kluft zwischen oben und unten. Ein Erfolg der permanenten geheimdienstlichen Bearbeitung war, dass sich die Landeskirchen zunehmend als "Kirche im Sozialismus" verstanden. Sie wollte keine Veränderung, sondern den status quo erhalten.
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In der Ausstellung "Die Bibel in den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts" wird auch die Selbstverbrennung Rolf Günthers
dokumentiert.Was geschah am Sonntag, dem 17. September 1978?
Tathergang:
Pfarrer Günther hielt den Gottesdienst. Er ging nach der Schriftlesung in die Sakristei und überschüttete seinen Talar mit Benzin. Er kam mit zwei großen Milchkannen, die mit Benzin gefüllt waren, auf den Altarplatz zurück. Er schüttete den Inhalt der Kannen auf den Teppich und ging zum Altar und hielt beide Arme des mit Benzin getränkten Talars über die brennenden Altarkerzen. Er stand sofort in Flammen. Dabei wurde das Plakat "Wacht endlich auf!" entrollt. Günther sprang mit lautem Schrei in die Benzinpfütze auf dem Altarplatz. Eine Stichflamme zuckte auf, und der ganze Altarraum stand in einem Flammenmeer. Rettungsversuche scheiterten wegen der großen Hitzeentwicklung. Die Gottesdienstbesucher verließen fluchtartig die Kirche. Keine Person kam zu Schaden.
Nach der Selbstverbrennung wurde das Plakat von den Untersuchungsorganen nachgestellt.Die Sakristei nach dem Löschen des Brandes
Zwei konträre Bibelauslegungen
Günther besaß ein liberales und tolerantes Bibelverständnis. Seine Frömmigkeit war lebensnah und weltoffen, aber ohne geistlichen Tiefgang. Er konnte mit seiner Lebensart die Jugendlichen begeistern. Damit stand er im Widerspruch zu der Frömmigkeit der Volksmission, die von den beiden Pfarrkollegen Siegfried Gneuß und Helmut Hampel gewissenhaft gelebt und verkündigt wurde. In den Gemeindekreisen der Volksmission wurden die Geistesgaben Gottes wie Krankenheilung durch Handauflegen oder Gebet, Zungenreden, Prophetie, Befreiung von satanischen Mächten durch Exorzismus erlebt. Die Gemeinde der Volksmission wurde immer größer. Sie unterschieden zwischen den bekehrten und unbekehrten Christen. Auch Zwickauer reisten nach Falkenstein, denen die herkömmliche Gemeindefrömmigkeit nicht genügte. Diese Praktiken entsprachen nicht Günthers Bibelverständnis. Er hielt sie für sektiererisch und setzte sich unbeholfen zur Wehr. Auch die Volksmission brachte kein Verständnis für Günthers schlichte Bibelinterpretation und lockere Lebensweise auf. Es entwickelte sich ein unversöhnlicher Konflikt. Beide Seiten wurden intolerant und verfeindeten sich. Man meinte, Günther lebe nicht konsequent nach der Bibel und treibe eine falsche Bibelauslegung. Das Landeskirchenamt schenkte diesem Streit nicht die nötige Aufmerksamkeit. Es überprüfte nicht die Frömmigkeit und Praktiken der Volksmission durch ein Verfahren der Lehrzucht. Günther sah sich allein gelassen und in seinem Kampf mit der Volksmission unverstanden. Er meinte, in Falkenstein seien die "Zwickauer Propheten" auferstanden. Es gelang der Volksmission, einen Kirchenvorstandsbeschluss herbeizuführen. Am 4. September 1978 wählte die Mehrheit des Kirchenvorstandes Günther als Pfarrer wegen "Nichtgedeihlichkeit" ab. Das wurde zum Auslöser der Verzweiflungstat und der öffentlichen Selbstverbrennung. Günther war überzeugt, sich für die reine Lehre der Bibel aufopfern zu müssen. Er wollte ein sichtbares Zeichen setzen, dass nur er allein den richtigen Glauben habe. Mit dem Plakat "Wacht endlich auf!" wollte er die Volksmission und die Kirche zur Umkehr bringen.
Die Kirche in FalkensteinVolksmission
Sie ist seit dem 17. Jahrhundert eine charismatische Erweckungsbewegung mit geistlicher Erneuerung. Nicht die Taufe, sondern die Beichte und Sündenvergebung führen zur Bekehrung und zum richtigen Christsein. So schenkt Gott seine Geistesgaben den Bekehrten. Es werden die biblischen Charismen erfahren wie Zungenreden, Krankenheilung, Weissagungen, Visionen, Ekstase... (1. Kor 12).
Die Stasi ermittelte zur Volksmission
Innerhalb der Volksmission kam es zu extremen Bibelauslegungen und Praktiken.
Teufelsaustreibung: Austreibung des Satans bei Kranken und Alkoholikern durch Gebet.
Hausreinigungsdienst: ebenfalls eine Art Exorzismus (Teufelsaustreibung); Gebäude, Wohnungen oder Zimmer, die dämonisch oder okkult behaftet sind, werden durch Gebet gereinigt z.B. wenn in einem Haus spiritistische Sitzungen abgehalten wurden oder wenn in einer Wohnung ein Parteisekretär früher wohnte, musste eine Reinigung von der widergöttlichen Lebensweise erfolgen.
Umfassende Lösung: jeder Mensch kann sich nicht nur seine eigenen Sünden vergeben lassen, sondern auch die seiner Eltern, Großeltern und längst Verstorbener; die Voraussetzung ist, dass alles gebeichtet wird, auch wenn nur der vage Verdacht auf Hexerei oder Aberglaube bestünde.Das Politikum der Selbstverbrennung
Für den Staat durfte es kein zweites Brüsewitz († 1976) geben. Die Stasi benutzte das Fanal, um langfristig einen Zersetzungs- und Differenzierungsprozess innerhalb der Kirche zu forcieren. Das geschah in Absprache mit der SED. Zuerst wurde im Krisenmanagement zwischen Staat und Kirchenleitung einvernehmlich vereinbart, die Verzweiflungstat als Brandstiftung und als eine Art "innerkirchlichen Betriebsunfall" zu deklarieren. Die Kirchenleitung nahm eine unsachgemäße Information vor und der Kirchenvorstandsbeschluss der "Nichtgedeihlichkeit" wurde verheimlicht. Ein böser Leumund entstand. Danach brachte die Stasi IM zum Einsatz. Sie hatten die Hintergründe der Selbstverbrennung aufzuklären. So wurden Informationen der Kirche zusammengetragen, gesammelt und analysiert. Die Schwachstellen und Zerwürfnisse der Kirche wurden erkannt und herausgefiltert. Darauf erstellte die Stasi Maßnahmenpläne, um zielgerichtet in die Kirche einzudringen.Ziel der Stasi
- Kirche habe sich um religiöse und kultische Aufgaben zu kümmern;
- Kirche darf keine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen;
- mit den progressiven (= staatskonformen) Kräften zu arbeiten
- und diese in Leitungsfunktionen zu lancieren;
- reaktionäre sowie feindlich-negative (= staatskritische) Kräfte zu bearbeiten
- und die Kirchenleitung zu bewegen, diese zu disziplinieren und zu isolieren;
- die Kirchenpolitik langfristig zu beeinflussen und in den Griff zu bekommen.Vor der Tür der Kirche
1997 wollte der Freundeskreis zum 19. Todestag an die Verzweiflungstat erinnern. Er stellte vor die Kirchentür in Falkenstein Günthers Bild, eine Kerze und ein Blumengebinde. Nach wenigen Minuten waren die Gegenstände entfernt und im Müllcontainer entsorgt. Zum 20. Todestag wurde vorfristig die Grabstelle in Wittgensdorf eingeebnet und an dieser Stelle Gras gesät. Kein Ort des Gedenkens sollte bleiben. Gespräche werden verweigert. Günther liegt noch immer vor der Tür der Kirche.
Bericht aus der Auerbacher Zeitung "Freie Presse"
vom 18. September 1997Beginn einer neuen Stasi-Methode
Offiziere im besonderen Einsatz (OibE) wurden als staatliche Referenten für Kirchenfragen eingesetzt. Sie führten die Verhandlungen und Gespräche mit der Kirchenleitung. Essen und Empfänge wurden organisiert. Die Referenten bedrängten die Kirchenleitung, kirchliche Mitarbeiter, die für den Staat zu kritisch waren, zu disziplinieren (z. B. Dr. Theo Lehmann, Bernd Albani, Eberhard Heiße, Christoph Wonneberger, Michael Wagner, Joachim Krause, Dr. Edmund Käbisch...).Die Referenten hatten die staatskonformen Pfarrer zu steuern und zu lenken. Vertrauliche Gespräche wurden geführt. Dabei wurde das Gegenüber abgeschöpft und Informationen gewonnen. Mit Vergünstigungen und Bevorteilungen wurde gearbeitet. Das war ein Weg, mit dem der DDR-Staat auf die Kirche Einfluss nahm und Mitarbeiter abhängig machte. Kirche sollte nicht getreu nach der Bibel leben.
Günthers Grabstein in Wittgensdorf
Das Grab wurde vor Beendigung der Liegezeit eingeebnet.Rezension
Aus dem Vogtland AnzeigerDie Selbstverbrennung von Rolf Günther
Der Pfarrer liegt noch vor der Tür der Kirche
ZWICKAU - Das "Fanal von Falkenstein", wie der frühere Zwickauer Dompfarrer Edmund Käbisch die Selbstverbrennung seines Kollegen Rolf Günther in seinem eben veröffentlichten Buch nennt, war dem Bezirksorgan der SED "Freie Presse" am 18. September 1978 gerade mal 32 Zeilen wert. Von Brandstiftung durch den Dienst habenden Pfarrer war da die Rede, der trotz des Einschreitens eines Mitgliedes des Kirchenvorstandes ums Leben kam und von hohem Sachschaden am Altar und in der Sakristei. Was wirklich an jenem Sonntag in der Kirche zum heiligen Kreuz geschah, hatten wohl auch die rund 300 Gottesdienstbesucher nicht verstanden. Bis heute ist die Verzweiflungstat des Kirchenmannes immer wieder Gesprächsthema, das für Gerüchte sorgt und das nicht nur im Vogtland. Käbisch beschreibt das in seinem Buch so: Günther war während des Gottesdienstes am 17. September 1978 nach der Schriftlesung in die Sakristei zurückgekehrt, hatte seinen Talar mit Benzin übergossen und ging mit zwei großen Milchkannen an der Hand wieder zum Altarplatz. Die Kannen leerte er vor den erstaunten Blicken der Kirchenbesucher über dem Teppich und hielt schließlich seine Arme, die in dem benzintriefenden Talar steckten über die brennenden Altarkerzen. Rolf Günther stand sofort in Flammen. Während er schreiend zu Boden stürzte wurde ein Plakat entrollt: "Wacht endlich auf!"
Monatelang hatte Edmund Käbisch in den Archiven geforscht. Seine Erkenntnis: Im Gegensatz zu Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich 1976 vor seiner Kirche in Zeitz aus Protest gegen das sozialistische Schulsystem verbrannte, lagen die Motive bei Rolf Günther in innerkirchlichen Konflikten. Sein liberales und tolerantes Bibelverständnis sowie seine lebensnahe Frömmigkeit und Weltoffenheit wurden zum Problem, denn damit stand er im Widerspruch zu seinen beiden Pfarrkollegen, die der Volksmission nahestanden und Geistesgaben Gottes wie Handauflegen, Prophetie und die Befreiung von satanischen Mächten durch Exorzismus durchaus für legitim hielten. Denen gelang es schließlich einen Beschluss des Kirchenvorstandes herbeizuführen, in dem Rolf Günther wegen "Nichtgedeilichkeit" abberufen wurde.
Doch die Selbstverbrennung sollte nicht nur innerhalb der Kirche für Aussehen sorgen, denn dort war man eher damit beschäftigt die Sache so wenig wie möglich nach außen dringen zu lassen. Auch SED und Stasi, die sich keinen zweiten Fall Brüsewitz leisten wollten, hatten die Probleme schnell erkannt und instrumentalisierten das Ereignis um ihrem Ziel die Kirche in der Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen, ein Stück näher zu kommen. So tauchten schon bald anonyme Schriftstücke, die eine Klärung der Selbstverbrennung forderten, bei Kirchenführern auf, die diese wiederum verunsichern und zu einer Strafanzeige veranlassen sollte. Damit hatte die Stasi frei Hand tief in kirchliche Angelegenheiten einzudringen - und das auch noch legal. Danach begann eine regelrechte Zersetzungskampagne. Offiziere im besonderen Einsatz wurden als staatliche Referenten für Kirchenfragen eingesetzt und damit in die Kirche eingeschleust. Und hier taucht wieder ein altbekannter Name auf: IM "Sekretär", der in Wirklichkeit Manfred Stolpe heißt und später Ministerpräsident in Brandenburg und unter Gerhard Schröder sogar Bundesminister wurde. Diese Referenten bedrängten nun die Kirchenleitung, die Mitarbeiter die dem Staat zu kritisch erschienen zu disziplinieren. Mittelfristig sollte aus der einzigen demokratischen Einrichtung der DDR, der Kirche, eine Art "fünfte Kolonne" entstehen, die Basisgruppen keinen Raum bot, "feindlich negative" Pfarrer in Schach hielt und die anderen zwang ihren eigenen freien Willen abzulegen. Die Kirche sollte von innen heraus zersetzt werden. "Diese Denk- und Handlungsweise zählt nicht nur meiner Ansicht nach zu den Spätfolgen der einstigen Kirchenbearbeitung", sagte Käbisch. Könnte Pfarrer Rolf Günther, der in diesem Jahr 70 alt geworden wäre, noch leben? Diese in der anschließenden Diskussion gestellte Frage bejahte Käbisch. Der damalige Landesbischof Hempel, der Günther wohl als Gegengewicht zur Volksmission nach Falkenstein entsandt wurde, hätte ihn nach seinem Scheitern abberufen können, wahrscheinlich sogar müssen. Er tat es nicht. Was am Ende der Auslöser war die Verzweiflungstat auf dieser Art und an diesem Tag durchzuführen, kann auch Edmund Käbisch nicht aufklären. Freilich standen ihm auch nur die staatlichen Archive offen. Die der Kirche blieben ihm verschlossen. Auch das ist ein Zeichen dafür das die Kirche auch 17 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR und dem Ende der Stasi noch immer nicht an einer Aufarbeitung ihrer eigenen jüngsten Geschichte interessiert ist. So ist es auch kein Wunder, dass der Kranz den Käbisch und weitere Mitglieder des Freundeskreises Rolf Günther anlässlich des 19. Jahrestages der Selbstverbrennung, immerhin sieben Jahre nach der deutschen Einheit, schon wenige Minuten nach dem Ablegen wieder verschwunden waren und in einem Müllcontainer wieder gefunden wurde. Ein Jahr danach war auch diw Grabstelle Günthers nicht mehr da. Sie wurde vorfristig eingeebnet.
So soll die Buchvorstellung ausgerechnet symbolisch daran erinnern: "Pfarrer Günther liegt noch vor der Tür der Kirche". Diesen Ausspruch fand Käbisch bei seinen Recherchen in einem Brief an die Kirchenführung. Aufgeschrieben hat ihn Volker Kress. Als der später Landesbischof wurde, konnte er sich daran, so der Ex-Dompfarrer, nicht mehr erinnern.
FRANK DÖRFELT