Kirche im SED-Staat und kirchliche
Basisgruppen im Visier der Stasi
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Thesen:
1.) Wer sich heute mit diesem Thema auseinandersetzt, wird unter Umständen sein Bild von seiner Kirche revidieren müssen, da das subjektive Idealbild von Kirche nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die so genannte Amtskirche unterliegt grundsätzlich den gleichen Mechanismen wie die der so genannten Welt. Dieser Erkenntnisprozess ist zwar schmerzlich, aber heilsam, denn er führt zu christlicher Verantwortung und zum sozial-politischen Engagement.
2.) Die Kirche in der DDR unterlag einer umfassenden staatlichen Beeinflussung, die konsequent von der Partei gesteuert und kontrolliert wurde. Pfarrer wurden von der Staatsmacht kategorisiert und als progressiv, loyal oder feindlich-negativ eingestuft. Es entsteht ein Zerrbild der Vergangenheitsaufarbeitung, wenn nur Kriterien einer nachweislichen Stasi-Belastung herangezogen werden oder wenn nur ausschließlich justitiable Fakten eine Rolle spielen.
3.) Die SED-Kirchenpolitik war in den 1980er Jahren doppelbödig. In der Öffentlichkeit wurde betont, Glaubensfreiheit zu gewähren. Aber im Verborgenen wurde die Kirche als Feind des Sozialismus gesehen und behandelt. Diese Doppelbödigkeit muss benannt und offen dargelegt werden.
4.) Die Stasi war das Schwert und Schild der Partei. Sie war ein Geheimdienst, der militärisch organisiert war, der konspirativ operierte und der vorwiegend Feinde im eigenen Land bekämpfte. Die Hauptamtlichen und die IM waren Soldaten an der unsichtbaren Front.
5.) Der Referent für Kirchenfragen hatte eine Schlüsselfunktion in den Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Er wurde von der Stasi zielgerichtet eingesetzt und mit konkreten Aufgaben versehen. Es gelang ihm häufig, Vertrauensverhältnisse zu "progressiven" Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern aufzubauen. Diese Beziehungen wurden benutzt, die kirchlichen Würdenträger "abzuschöpfen", d. h. Informationen zu sammeln, auf sie Einfluss zu nehmen und sie am Zersetzungsprozess der eigenen Glaubensgeschwister zu beteiligen. Vertrauen wurde auf diese Weise missbraucht.
6.) Zunehmend hat sich die so genannte Amtskirche als "Kirche im Sozialismus" verstanden. Sie hat sich auf eine Geheimdiplomatie eingelassen, die im damaligen Kontext notwendig erschien, heute aber offen aufgearbeitet werden muss. Störenfriede, die das vermeintlich gute Staat-Kirche-Verhältnis belasteten, wurden auf dem innerkirchlichen Dienstweg diszipliniert. Der Protestantismus wich der Anpassung.
7.) Die Aufarbeitung der
jüngsten Vergangenheit bringt sowohl Feigheit
und Verrat, aber auch Mut und Bekenntnis zu Tage. Christen können stolz
und dankbar sein, dass sie aktiv an der Umwandlung des DDR-Unrechtsstaates
mitgewirkt haben.
Die Stasi-Bearbeitung der Kirche in Zwickau
An der Hochschule der Staatssicherheit Potsdam wurde in den 1980er Jahren eine Forschungsgruppe für die Entwicklung und Bearbeitung von operativen Vorgängen gebildet. Oberst Schaufuß von der Bezirksverwaltung (BV) Karl-Marx-Stadt arbeitete an diesem Forschungsprojekt mit. Die erbrachten Erkenntnisse sind in Zwickau ausprobiert worden, weil sich hier Ende der 1980er Jahre neben Berlin und Leipzig ein Schwerpunkt der Opposition herausgebildet hatte. Es wurde das "Zwickauer Modell" mit Zustimmung der Bezirksparteileitung vorerst getestet und dann nach Erprobung als "verallgemeinerungswürdig" angesehen. Die Kreisdienststelle der Stasi in Zwickau hat über 110 Personen aus dem Raum der Kirche geheimdienstlich bearbeitet und in ca. 25 operativen Vorgängen (OV) zusammengefasst, die von der BV koordiniert wurden. Entsprechende IM sind in die Basisgruppen eingeschleust worden, ein flächendeckendes IM-Netz wurde aufgebaut und weitere "gesellschaftliche Kräfte" wurden einbezogen. Neue Formen einer sanften Kirchenbearbeitung und -beeinflussung wurden dabei erarbeitet. Die Pfarrer wurden beispielsweise in progressive, loyale oder feindlich-negative eingeteilt und entsprechend behandelt. Dabei wurde nach dem Prinzip der Vergünstigungen und Bevorteilungen gearbeitet, um Abhängigkeiten zu schaffen. In dieser Bearbeitung kamen alle gesellschaftlichen Kräfte zum Einsatz, vor allem der Referent für Kirchenfragen spielte dabei eine hervorgehobene Rolle. Er stellte das offizielle Bindeglied zwischen Staat und Kirche dar. Diese Vorgehensweise spielte sich in einer Grauzone ab, weil die Stasi immer im Hintergrund ihre Fäden zog. Zwickau wurde so zu einem Experimentierfeld der Stasi.
Der OV "Kammer", der auf die Mitglieder des Kirchenvorstandes am
Zwickauer Dom angelegt worden war, gehörte zu der neuen Methode der OV-Bearbeitung.
Einzelne Kirchenvorsteher haben sich wie IM einsetzen lassen, auch wenn sie
selbst nichts davon wussten. Die Landeskirche wahrte zudem nicht immer ihre
Fürsorge- und Obhutspflicht gegenüber ihren Pfarrern, sondern war
oft mehr an einem guten Staat-Kirche-Verhältnis interessiert. Die Stasi-Bearbeitung
verursachte Langzeitschäden innerhalb der Landeskirche und unter ihren
Gliedern, die nach der friedlichen Revolution weiterwirkten und teilweise noch
heute das Miteinander belasten.