Implodierende Kirche:
Verdrängung
der Konfirmation durch die Jugendweihe
Die folgende Ausarbeitung wurde von Jonathan Hofmann als Schüler der 12. Klasse des Gerhart-Hauptmann-Gymnasium erstellt.
Die Kirche der ehemaligen DDR unterlag einem Prozess der Implosion. Implodieren ist ein Vorgang, bei dem durch äußeren Überdruck etwas eingedrückt oder zertrümmert wird. Der SED-Staat hat diesen Prozess bewusst eingeleitet und zielstrebig gesteuert. Es wurde u. a. 1954 die Jugendweihe eingeführt, damit sich die Jugendlichen nicht mehr nach der Bibel ausrichteten sollten. Das Denken und Leben wurde von der materialistischen Lehre bestimmt. Die Jugendlichen und Eltern waren dem staatlichen Druck ausgesetzt und mussten mit Repressalien rechnen, wenn nur Konfirmation oder Firmung in Frage kam. Angst bestimmte diese Entscheidung und prägte die ganze Gesellschaft. Langfristig wirkte sich das auf die Kirche aus.
Das Buch "Weltall-Erde-Mensch" kontra Bibel
Im Jahre 1953 wurde durch einen Ausschuß für Jugendweihe mit staatlicher Förderung die Jugendweihe in der Deutschen Demokratischen Republik eingeführt und propagiert. Der Erfolg hielt sich zunächst in bescheidenen Grenzen, weil in den Anfangsjahren der DDR sich der Anteil an Christen auf zirka 90% belief. Dies änderte sich mit dem Schuljahresbeginn 1956/1957, als die SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt das Werben um Schulabgänger für die Jugendweihe mittels "Jugendstunden" in den Mittelpunkt der Tätigkeit der Abteilung Allgemeinbildende Schulen stellte. Dies war streng genommen ein Verfassungsbruch. Offiziell war es eine rein persönliche Entscheidung, ob man an der Jugendweihe oder an der Konfirmation teilnimmt, weil nach der Verfassung Glaubensfreiheit herrschte. Inoffiziell wurde den Kindern von Seiten der Schule und selbst den Eltern über die Betriebe, in denen sie arbeiteten, wiederholt die Teilnahme an der Jugendweihe nahegelegt und Druck ausgeübt. Alle gesellschaftlichen Kräfte wurden eingesetzt, die Eltern und Schüler für die Jugendweihe zu beeinflussen und zu nötigen. Es bestand keine Glaubensfreiheit!
Als die Kirche auf diese offensichtlichen Missstände
aufmerksam wurde, begannen die Pfarrer in persönlichen Gesprächen potentiellen
Absolventen der Jugendweihe dieses Vorhaben auszureden, was sie sich meistens
mit Handschlag versichern ließen. Als Argumentation führte die Kirche die Unvereinbarkeit
der Jugendweihe mit der Konfirmation an, weil die Jugendweihe einem Bekenntnis
zum Atheismus gleichkäme. Beide Bekenntnisse zugleich lehnte die Kirche anfangs
ab. Es gab nur ein Entweder - Oder.
Ein Beispiel:
Der Pfarrer... aus Schwarzenberg schrieb
am 15. März 1958 an die Eltern aller Konfirmanden: "Liebe Konfirmandeneltern,
um Mißverständnisse zu beseitigen, teilt das ev.-luth. Pfarramt St. Georgen
in Schwarzenberg im Auftrag und im Einvernehmen mit der gesamten Kirchenleitung
mit, daß
1. wer an der Jugendweihe teilnimmt, schließt sich dadurch selbst von der Konfirmation
aus,
2. wer nach der Konfirmation an der Jugendweihe teilnimmt, verliert die kirchlichen
Rechte, die er sich durch die Konfirmation erwirbt.
Unser Herr Christus selbst stärke die Eltern bei ihrer Entscheidung und bewahre
sie vor Unwahrhaftigkeit. Gott befohlen! Ihr Pfarrer..."
Jugendliche, die trotzdem an beiden Veranstaltungen
teilnahmen, mussten kirchliche Benachteiligungen in Kauf nehmen, z. B. den
befristeten Entzug von Kirchenrechten (kirchliches Wahlrecht, Bekleiden eines
kirchlichen
Amtes). Die SED-Bezirksleitung reagierte prompt und ließ Kundgebungen
der Pfarrer in Kirchgemeinten bespitzeln, die dieses Thema beleuchten sollten.
Es wurden Briefe verfasst, die unmissverständlich eine Mäßigung der Kirche
verlangten, da der Staat auch keine öffentlichen Verlautbarungen gegen
die Konfirmation unternehmen würde. Und schließlich wurden sogar Pfarrer
und Superintendenten unter Druck gesetzt, indem man sie wiederholt in die
Kreisleitung einbestellte
und Rechenschaft ablegen ließ. Nachdem die Zahl der Konfirmanden im gleichen
Maße sank, wie es Neuzugänge bei der Jugendweihe gab, und der staatliche Druck
auf die Kirche immer weiter zunahm, gab die Kirche schließlich nach und erlaubte
die folgenlose Teilnahme an beiden Veranstaltungen. Jugendgeweihte konnten
nach
einem Jahr die Konfirmation erhalten. Hinter der klaren Linie der Landeskirche
des Entweder - Oder standen geschlossen alle Pfarrer der Region. Nur ein
Pfarrer
konfirmierte jugendgeweihte Schüler noch im gleichen Jahr. Er musste sich wiederholt
vor dem Landeskirchenamt rechtfertigen.
Juigendweiheteilnehmer in Zwickau
|
1954
|
1955
|
1956
|
1959
|
|
| Schulabgänger |
2027
|
2027
|
1700
|
1380
|
| Teilnehmer an Jugendweihe |
172
|
400
|
494
|
1249
|
Jugendweihe in Stadt und Land Zwickau
|
1962
|
1963
|
1964
|
|
| Zwickau Stadt |
95,6 %
|
95,3 %
|
95 %
|
| Zwickau Land |
81,1 %
|
78,0 %
|
77,5 %
|
Im Laufe der Jahre wurde die Bibel für die meisten DDR-Bürger nicht mehr zur Mitte des Glaubens. Ein Leben nach der Bibel behinderte die eigene berufliche Karriere. Der Materialismus breitete sich aus. Die Folge war, die Leute traten aus der Kirche aus. Die Strukturen der Volkskirche brach so schleichend auseinander. Das Ende und der Ausgang dieser Entwicklung sind noch nicht abzusehen. Fest steht, nur mit der Bibel können Glaubende eine Zukunft aufbauen und der Gemeinde wie der Kirche ein neues Gesicht geben.
Die Entwicklung der Kirchenzugehörigkeit in der Stadt Zwickau
|
Jahr |
Einwohner |
ev.-luth. |
in % |
röm.-kath. |
in % |
|
1950 * |
138.844 |
ca. 113.000 |
ca. 81 |
ca. 17.300 |
ca. 12 |
|
2003 |
100.892 |
15.741 |
15,63 |
3.597 |
5,57 |
| 2010 | 97.918 ** |
14.424 | ca. 15 | 3.470 | ca. 3 |
* Die Zahlen und Prozente für Zwickau wurden 1950 hochgerechnet nach den
Angaben für Sachsen.
** Wohnberechtigte; 94.749 haben den Hauptwohnsitz
Ein Bild zur Veranschaulichung der Zwickauer Situation

Bis 1950 bestand in der Region Zwickau eine Volkskirche. Eine Minderheit von ca. 10% gehörte keiner Kirche an. Die Bibel nahm in der Gesellschaft eine wichtige Rolle ein. Innerhalb von fünfzig Jahren ist die Bibel fast aus der Gesellschaft gedrängt worden. Ein Prozess der Implosion fand statt, der noch nicht beendet ist. Glaubende werden weniger und sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft.
Die Bibelausstellung ist auch ein Versuch der Verkündigung und Mission.