Spuren aus den Akten zur Malerin Tatjana Lietz
Autor: Christian Siegel, Zwickau
Tatjana Lietz war eine starke, einmalige, faszinierende und schillernde Künstler-Persönlichkeit. Solche Worte hörte ich immer wieder. Sie hinterließ bei Menschen, die mit ihr zu tun hatten, nachhaltige Spuren. Schüler erinnern sich lebhaft an die einstige Russisch- und Kunstlehrerin, während andere Lehrer längst vergessen sind. Viele bewunderten ihre baltische Wärme und schätzten ihre mütterliche Liebe. Sie wollte Gerechtigkeitsliebe, Anstand und Würde vermitteln. Einige waren brüskiert von ihren weitschweifigen Reden und stießen sich an ihren hintergründigen Erörterungen. Sie gingen ihr aus dem Weg. Tatjana Lietz achtete nicht auf modische Kleidung und konnte auch mit Trainingshose und Gummistiefeln in der Schule erscheinen, weil sie so gerade aus dem Garten kam. Sie trug manchmal ein grünes, zipfliges Kleid ihrer Mutter und ließ sich auch nicht stören, wenn der Unterrock hervorguckte.
Sie ließ oft ihrer Künstlerseele ungeniert freien Lauf, jedoch bei ihren Erzählungen hörte man, welche unbestechliche Allgemeinbildung sie besaß. Sie liebte Goethe und hörte gern Tschaikowskij. Sie bezeichnete diejenigen, die sie nicht verstehen wollten und keine Toleranz aufbrachten, als "Proleten". Somit hielt sie Kritiker und Angreifer vom Leibe, und sie fanden bei ihr keinen Zugang. Sie konnte abweisend sein und lebhaft schimpfen. Sie verstand es, feine Pfeile des Spottes und der Ironie zu verschießen, besonders wenn es um elitäres Gehabe und Getue ging. Sie konnte ihre Gefühle mit drastischen und treffenden Worten ausdrücken und empfand eine diebische Freude an Übertreibung, Witz und Groteske. Der Satz ging sogar in die Abiturzeitung ein: "Was kann man von Ochsen anders verlangen als Rindfleisch." Diese Einstellung wurde von einigen als Hochmut und Ausdruck ihrer bürgerlichen Erziehung vorgeworfen. Sie fühlte die Dümmlichkeit und den Kleingeist etlicher Menschen der Bergstadt Zwickau und litt darunter. Sie besaß das Gespür, die Seele des Menschen zu erfassen. Für sie waren die inneren Werte wichtig und heilig, aber sie durften nicht an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Sie bemühte sich, ein Gefühl für das rechte Maß am Schönen und Edlem zu vermitteln. Diesen Idealismus bewahrte sie, und ließ sie in der materialistisch geprägten Welt des Sozialismus aushalten. Still und bescheiden führte sie ihr Leben und zog sich in ihre kleine Künstlerwelt zurück. Sie achtete nicht auf eine aufgeräumte Wohnung, sondern fühlte sich Zuhause bei der Katze Murka und in ihren Erinnerungsstücken. Sie konnte sich spontan begeistern. Freunde, Schüler und nahe Bekannte kamen zu ihr, verehrten und verstanden sie. Ihre Großzügigkeit und Freigiebigkeit konnte ihr Vetter Waldemar Michailow erfahren, den sie wie ihre Eltern bis zum Tode in der gemeinsamen Wohnung betreute und pflegte. Darüber klagte sie nicht, denn dieses gehörte zur normalen menschlichen Pflicht.
Einige Episoden von Kinderchen (so nannte Tatjana ihre Schüler und Schülerrinnen) und Lehrern sollen bruchstückhaft erwähnt werden. Schüler wandte sich an sie, weil sie es verstand, mit einer Lockerheit mathematische Gesetzmäßigkeiten der Differentialrechnung verständlich und einsichtig zu machen. Sie konnte ruhig und sachlich etwas beibringen. Sie galt als methodisches und pädagogisches Genie, die die Schüler in ihren Bann zog. Man durfte sie fast alles fragen. So kam nach der Frage ihres Unverheiratetseins die Antwort, sie hätte Sorge, dumme Kinder zu bekommen. Bei der Darstellung von Künstlerbiografien kam sie stets ins Schwärmen, und regte so die Schüler zum Träumen und Nachahmen an. Sie hatte volles Verständnis dafür, dass nicht alle malen konnten und verglich das Malen mit der Musik. Sie selbst bezeichnete sich als unmusikalisch. Sie spielte szenische Dialoge und faszinierte die Schüler, indem sie kurz entschlossen auf die Schulbank kletterte, bis alle ihr Anliegen kapierten. Ihr Unterricht war praxisnah und lebensecht. "Sei vorsichtig!" ermahnte sie immer wieder, weil die Welt voller Hass, Neid und Missgunst sei. Ihr war es fremd, Kinder im Unterricht zu striezen und zu bevormunden. Bei Leistungskontrollen fragte sie vorher erst, ob gelernt wurde. Wenn verneint wurde, kamen die Kinder nicht dran. Für sie waren Schüler Menschen, die geachtet werden mussten und denen Bildung vermittelt werden sollte. Sie verschloss die Klassenzimmertür unter voller Zustimmung und Begeisterung der Schüler von innen. Sie wollte ungestört und ohne Angst vor Kontrolle ihren Unterricht halten. Sie besaß eine Abscheu vor den obligatorischen Klassenfahrten und ließ Abiturienten allein ohne Begleitung in eine Jugendherberge fahren. Abends erkundigte sie sich telefonisch, wie der Tag gelaufen sei. Die Schüler konnten auch jederzeit bei ihr zu Hause anrufen, wenn sie nicht weiter wussten. Ihr war es ein Gräuel, sich verbiegen zu lassen und als Statist auf politische Veranstaltungen zu erscheinen. Sie zeigte eine lehreruntypische Zivilcourage. Im Lehrerzimmer standen auf ihrem Tisch ein stets überquellender Aschenbecher mit Zigarettenkippen und eine Rotweinflasche mit Glas, denn Rotwein gehörte bei ihr zur Pausenüberbrückung. Sie ließ sich häufig krankschreiben, um zu Hause ungestört ihrer Kunst nachgehen zu können oder bei den pflegebedürftigen Eltern zu sein. Andere Lehrerkollegen mussten kurzfristig einspringen und fanden für dieses Verhalten mangelndes Verständnis. Sie porträtierte die Tochter des Schuldirektors Rudolf Köhler, daraufhin wurde behauptet, sie habe schulische Narrenfreiheiten erhalten ... Tatjana Lietz war ein Phänomen. Sie war anders.
Teilweise hörten sich diese Schilderungen wie Märchen an, als wären die geschilderten Szenen aus einem anderen Film. Die Episoden und Anekdoten passten nicht in das Bild der reglementierten DDR-Wirklichkeit. Sollte es bei Künstlern Ausnahmen gegeben haben? Meine bisherigen Erfahrungen der Vergangenheitsaufarbeitung waren: Eigenwillige Menschen haben nicht nur die Aufmerksamkeit der staatlichen Organe geweckt, sondern sie wurden entsprechenden geheimdienstlich von der Stasi beobachtet und bearbeitet, um sie in Griff zu bekommen. Man witterte hinter solchen Personen eine Gefahr, die den sozialistischen Aufbau und Fortschritt stören konnten. Sie wurden wie Feinde behandelt, die unschädlich gemacht werden mussten. In Gesprächen mit Christian Siegel und Dr. Roland Gabler reifte die Idee, in den vorhandenen Archiven zu forschen, um herauszufinden, wie die staatliche Seite die Lehrerin und Malerin Tatjana Lietz sah. Besonders sollte erhellt werden, weshalb die in der DDR einmalige Mal- und Zeichenschule (MUZ) in Zwickau 1963 ein so plötzliches Ende fand. Sie war dort eine Dozentin neben anderen Zwickauer Künstlern. In diesem Kreis fühlte sie sich wohl. Es war ihr Metier. Sie unterrichtete Malschüler und ließ deren Begabungen wachsen. Dieses Team scharte sich um Professor Carl Michel und war damals eine schöpferische Keimzelle der Region. Christian Siegel, der ein Malschüler von Tatjana Lietz war, plante anlässlich des 85. Geburtstages, eine Ausstellung zu organisieren und das Lebenswerk seiner Malmutter in Form eines Buches herauszugeben. Er sprach mich an, bei diesem Buchprojekt mitzuwirken. Der Chemnitzer Verlag gab die Zustimmung zum Druck. Sowohl Sponsoren- als auch Fördergelder standen zur Verfügung. Jedoch am 11. März 2001 verstarb Tatjana Lietz. Die Ausstellung wurde über die Sommermonate 2001 auf der Burg Schönfels präsentiert.
Für Christian
Siegel und mich stand fest, eine Darstellung der Persönlichkeit
Tatjana Lietz kann nur wirklichkeitsgetreu geschehen. Zu einer Glorifizierung
sollte es nicht kommen. Deshalb entschloss ich
mich, schriftliche Dokumente, die das Lebensumfeld von Tatjana Lietz betrafen,
zur Sprache kommen zu lassen. Zur
Quellenlage muss Folgendes gesagt werden: Zuerst stellte ich bei der Bundesbehörde
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes einen Antrag auf Forschung.
Er wurde mir innerhalb von 3 Wochen unter dem Thema: "Einfluss des MfS
auf die Kunstszene im Raum Zwickau (Tatjana Lietz)" genehmigt. Nach der
Bewilligung wurden entsprechende Recherchen in der Außenstelle Chemnitz
ausgelöst.
Bis zu dieser Akteneinsicht begann ich im Stadtarchiv Zwickau und im
Staatsarchiv
Chemnitz zu lesen. Im Stadtarchiv sind leider nur Unterlagen aus dem Bereich
der Kunst archiviert. Dagegen sind die Schulakten, obwohl die einzelnen
Schulen
die vorhandenen Dokumente aus der DDR-Zeit dem Stadtarchiv zur Archivierung
anbieten müssten, nach der friedlichen Revolution von 1989 nicht eingetroffen.
Auch im Archiv des Gerhart-Hauptmann-Gymansium konnten keine Unterlagen
von Tatjana
Lietz´s aufgefunden werden. Sowohl im Staatsarchiv als auch in der Bundesbehörde
sind vom künstlerischen Schaffen Tatjana Lietz nur spärliche Zeugnisse
vorhanden. In den Archiven wurden mir teilweise keine Originalakten vorgelegt,
sondern
nur Kopien, die zudem anonymisiert worden waren. Auch aussortierte Aktenbestände,
weil Schriftstücke als gesperrt angesehen wurden, wurden nur zum Lesen freigegeben.
Somit blieb die Einsicht in größere Sachzusammenhänge und die Verknüpfung
mit existierenden Personen oft im Nebulösen. Trotzdem fertigte ich mir
entsprechende Notizen an und ließ mir von wichtigen Dokumenten Kopien anfertigen.
Die Bundesbehörde
ermöglichte es, trotz der Kürze der Zeit, IM-Akten aus der Zwickauer Kulturszene
aufzubereiten. Darunter waren zwei Vorgänge von Künstlern, die im Verband
Bildender Künstler organisiert waren. Anhand dieser Akten soll andeutungsweise
rekonstruiert werden, wie die Stasi den künstlerischen Bereich sah und
diesen geheimdienstlich bearbeitete. Christian Siegel sagte mir, dass in
einer Phase
der Angst Tatjana
Lietz in den 80er Jahren fast alle ihre persönlichen Aufzeichnungen verbrannt
habe. Somit standen fast keine persönlichen Schriftstücke zur Verfügung.
Heidrun Klempahn und Hermann Karl Herwig - beide waren Lehrer an der Gerhart-Hauptmann-Schule
- fertigten eigene Erinnerungsskizzen an. Sie werden in der Ausarbeitung mit
einfließen. Zeit zum tiefgründigen Recherchieren bestand also nicht, da
die Realisierung des Buchprojektes zeitbegrenzt war. Deshalb kann diese
Darstellung
nur als Zwischenergebnis - als Art Fleckenteppich oder unvollendetes Puzzle
- angesehen werden. Es ist das Ergebnis der Recherche eines halben Jahres.
Für
mich sind es aneinander gefügte Momentaufnahmen. Der Leser soll selbst das
Milieu interpretieren, in dem Zwickauer Künstler leben mussten und sich entfalten
konnten. Tatjana Lietz hat die meiste Zeit ihres Lebens in der DDR-Gesellschaft
verbracht.
1. Zur Person
Von Tatjana Lietz sind
zwei mit Hand ausgefüllte Personalbogen erhalten, die
in der Bundesbehörde archiviert sind. Der eine trägt kein Datum (aber er muss
vor dem Tod der Mutter ausgefüllt worden sein) und der andere wurde 1971 angefertigt.
Neben ihren bekannten Personalien gibt sie an,
Schulbildung: Abitur und Universität, aber kein Fach- und Hochschulabschluss;
Erlernter Beruf: Malerin;
Fachliche Spezialkenntnisse: Porträtmalerei;
Parteien: parteilos;
Gewerkschaften: seit 1945 Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB)
und ab 1946 in der Gewerkschaft für Unterricht und Erziehung;
Organisationen und Verbände: seit 1949 Kulturbund (KB), seit 1950 Deutsch-Sowjetische-Freundschaft
(DSF), seit 1953 Demokratischer Frauenbund Deutschlands (DFD), seit 1964 Volkssolidarität
(VS); an Schulen, Lehrgängen von Parteien und anderen gesellschaftlichen Organisationen
nahm sie nicht teil; sie war weder beim Militär noch in einem Internierungslager
und wurde nie gerichtlich bestraft;
seit 1946 erhielt sie folgende Auszeichnungen: Pestalozzi-Medaille in
Bronze und Silber, Ehrennadel für DSF in Silber, Aufbaunadel in Gold, Medaille
für ausgezeichnete Leistungen, Prämie für hervorragende gesellschaftliche Tätigkeit
als Künstlerin, aber keine Auszeichnungen für künstlerische Tätigkeit;
Lückenlose Angabe der seit 1932 ausgeübten Tätigkeiten: 1932 bis 1940 freischaffend
in Riga/Lettland, 1941 bis 1945 freischaffend in Deutschland, ab 1.10.1945
bis
jetzt Fachlehrerin für Russisch und Kunsterzieherin an der Gerhart-Hauptmann-Oberschule
in Zwickau, 1953 bis 1963 Dozentin in der Porträtklasse an der Mal- und Zeichenschule
Zwickau; eigene Ausstellungen führte sie bis in die 60er Jahre regelmäßig in
Zwickau und Karl-Marx-Stadt durch;
Atelier Größe: 16 m².
2. Verband Bildener Künstler Deutschland (VBKD)
Tatjana Lietz gehörte dem VBKD an, der später zum Verband Bildender Künstler der DDR (VBK) umbenannt wurde. Er war ein Berufsverband mit Sitz in Berlin, der sich in Bezirksverbände aufgliederte, aber keinem bezirklichen Organ unterstand.
Kulturpolitisch wurde der Verband durch die örtlichen Organe der Partei und durch den Rat des Bezirkes Abteilung Kultur angeleitet. 1987 hatte der VBK Karl-Marx-Stadt 341 Mitglieder, die sich in Malerei/Grafik, Formgestaltung/Kunsthandwerk, Kunstwissenschaften, Plastik und Gebrauchsgrafik aufgliederten. Der freischaffende Maler und SED-Genosse Fritz Diedering führte den Vorsitz. Diese Funktion war hauptamtlich. Aus dem Zwickauer Raum werden 12 VBK-Künstler namentlich aufgeführt, die in der Kreisdienststelle der Stasi 1987 erfasst waren: Bildhauer Berthold Dietz, Kunsthandwerkerin-Textilien Marga Drechsel, Schmuckgestalter Michael Franke, Bildhauer Joachim Harbort, das Maler- und Grafikerehepaar Edgar und Erika Klier, Maler und Grafiker Wolfgang Lehmann, Malerin und Grafikerin Tatjana Lietz, Kunsthandwerk Lieselotte Lange, Bildhauer Erika Matthes, Maler und Grafiker Josef Richter und Erhard Zierold.
Die Maler
und Grafiker bildeten in Zwickau eine eigene Sektion und in der Mitgliedsliste
werden 12
Künstler aufgeführt: Heinz Donnerhack, Rosemarie Haase, Albert Hennig,
Karl-Heinz Jakob, Edgar und Erika Klier, Tatjana Lietz, Manfred Ludwig, Klaus
Matthäi, Josef Richter, Heini Scheffler, Erhard Zierold. Als Sektionsleiter
wurden Edgar Klier und später Gerhard Bachmann angegeben. In den Anwesenheitslisten
der Mitgliederversammlungen bis 1989 ist nicht ersichtlich, dass jemals Tatjana
Lietz daran teilnahm oder sich entschuldigte. Es scheint, sie war ein zahlendes
Mitglied und hat sich diesen Pflichtveranstaltungen fern gehalten.
3. Arbeitspläne
Verschiedene Arbeitspläne Anfang der 60er Jahre geben Einblick, wie in der sozialistischen Gesellschaft Kunst gesehen wurde. Kultur konnte sich nur unter dem Gesichtspunkt der führenden Rolle der Partei entfalten. Politik, Ökonomie und Kultur bildeten eine Einheit. Das Leben der Werktätigen sollte sich in einer breiten, vielfältig interessanten und kulturellen Umwelt entfalten. Die Künstler hatten dazu ihren Beitrag zu leisten. Dazu wurden Klub- und Kulturhäuser eingerichtet und Dorfklubs gegründet. Sie galten als Zentren und Mittelpunkte der politisch-ideologischen und wissenschaftlich-fachlichen Bildung der arbeitenden Bevölkerung. Sie dienten als Stätten der kulturell-geistigen Massenarbeit - "zur Produktionspropaganda". Das Ziel war, in diesen Einrichtungen "mit allen Künstlern stärker die Auseinandersetzung über die Probleme der marxistisch-leninistischen Ästhetik" zu führen. Sektierertum, Dogmatismus und rechter Opportunismus mussten rechtzeitig erkannt und wirkungsvoll bekämpft werden. Ebenso musste eine "deutliche Ablehnung modischer Mätzchen meist westlicher Prägung" vorgenommen werden. Um das zu erreichen, ist zur Hauptaufgabe erhoben worden, die "Leitungs- und Führungstätigkeit der Parteiorganisationen im Staatsapparat, den Massenorganisationen und Institutionen sowie den Organen der Nationalen Front" zu verbessern, damit sich ein kulturelles Schöpfertum aller Werktätigen entwickeln kann. Das wurde als kulturelle Grundaufgabe des Siebenjahrplanes festgelegt. Diese festgelegte Arbeit wurde von den Staatsorganen finanziell unterstützt und gefördert. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt wurden aus dem Kulturfondsmittel für das Jahr 1961 folgende Gelder großzügig abgerechnet: 130 000 DM für Klubarbeit, 80 000 DM für Lichtspielwesen, 14 000 DM für Zirkel schreibender Arbeiter und Genossenschaftsbauern. Ausgesuchte Künstler und Nachwuchskünstler erhielten Auftragswerke, deren jährliches Gesamthonorar mitunter über 25 000 DM lag. In dem Bezirksbeirat für bildende Kunst war man sich einig, "die Gelder nicht in viele kleine und kleinste Teile zersplittern zu sollen, sondern bei vorhandener Gelegenheit repräsentative Werke unseren sozialistischen Aufbau widerspiegeln zu lassen". Ebenso wurde in diesem Bezirksbeirat über Kunstpreise, Auszeichnungen, Prämien, Studienreisen auch ins sozialistische und kapitalistische Ausland, Ferienplätze, Kuren und Ausstellungen entschieden. Anhand der überlieferten Honorarverträge kann nachvollzogen werden, wer Auftragswerke erhielt. Einige Themen von Gemälden, Plastiken, Radierungen, Holzschnitten ...sollen vom Zwickauer VBK aufgeführt werden: Arbeiterfestspiele, Fest der Bergleute, Pioniere pflanzen Bäumchen, Junge Pioniere, Trommelnder Pionier, Rufender Pionier, Schreibender Arbeiter, Tanz der Jugend, Bäuerliche Landschaft, Heimweg von der Schicht, Industrielandschaft, Klatschweiber, Entwicklung des Bergbaus, Kranichkinder, Balzender Kranich, Kranichpaar, In der Kantine, Mensch und Gesellschaft, Ernte/Wein/Tabak, Mutter/Kind, Ruhe, Mensch und Natur, Junges Paar, Pferde und Jungen, Aus dem Jugendleben, Entwicklung der Gesellschaftsformen bis zum Sozialismus, Vor Ort, Industrielandschaft Zwickau, Schweinemeisterin, Kosmonaut, Sputnik, Lesender Arbeiter, Wacht an der Grenze, Ölgemälde Walter Ulbricht: Freund und Förderer des Sports ... Die Spitzensumme eines Jahres betrug für 3 Werke eines Zwickauer Künstlers 45 000 DM.
In der
Fülle der Honorarverträge und auch Werkverträge konnte ich nirgends
den Namen Tatjana Lietz entdecken. Sie hat sich nicht für den sozialistischen
Realismus verbiegen lassen. Sie nahm sich diese Freiheit und scheute die Nachteile
nicht. Sie war auch nicht von der Kunst abhängig, denn sie war Lehrerin und
bezog ein festes Gehalt. Aber ihr Name konnte auf den Listen der bildenden
Künstler
aus den 50er und 60er Jahren gefunden werden, die Brennstoffzuteilungen erhielten.
Bei dem Kohlehändler Erich Jacob auf der Johannisstraße konnte sie 10 Zentner
Siebkohle, 0,3 Tonnen Brikett und 0,1 Meter Holz beziehen.
4. Stasi in der Kunst
Die Hypothese, ob in der Kunstszene eine ähnliche Beeinflussung durch die Stasi geschah, wie in der evangelischen Kirche, wollte ich überprüfen. Die Stasi bearbeitete die Kirche und die Kultur in der gemeinsamen Abteilung XX. Bei der Aufarbeitung der DDR-Kirchengeschichte stieß ich auf folgendes Phänomen: In der Abteilung Inneres war ein Referent für Kirchenfragen angestellt, der sich um die Belange der Kirche kümmerte, aber zwei Dienstherrn hatte. Er folgte den Weisungen des Vorsitzenden vom Rat des Bezirkes, der Stadt oder des Kreises. Und er musste den Befehlen der Stasi gehorchen, weil er als IM oder sogar Offizier im besonderen Einsatz (OibE) verpflichtet war und von der Abteilung XX/4 der Stasi gesteuert wurde. Somit war seine Arbeit doppelbödig. Er handelte sowohl offiziell als auch konspirativ. Seine geheim-konspirative Aufgabe war, Informationen von der Arbeit der Kirche zu erlangen, damit die Stasi dann mit diesem Wissen gegen das Wirken der Kirche vorgehen konnte. Die offizielle Arbeit bestand darin, die Einstellung der "kirchlichen Würdenträger" festzustellen und sie als feindlich-negativ, loyal oder progressiv einzustufen. Die progressiven (mitunter auch die loyalen) Pfarrer und kirchlichen Mitarbeiter empfingen für ihr Verhalten und ihre Einstellung staatliche Vergünstigungen und Bevorteilungen in Form von Geschenken, Präsenten, Geldern, Auszeichnungen, Orden, kostenlosen Urlaubsreisen, Festessen, günstigen Immobilienkäufen... Bei einer Überprüfung in der Bundesbehörde stellte sich heraus, dass diese Personen mitunter IM waren. Über den Referenten für Kirchenfragen nahm die Stasi Entschädigungen und Anerkennungen für geleistete IM-Tätigkeiten vor. So sollten die IM stimuliert werden, intensiver auf die Kirche Einfluss zu nehmen, damit sie staatskonformer werde. Die eigenen Leute betrieben eine Differenzierungs- und Zersetzungsarbeit.
Die DDR-Staatsmacht wollte auch überall in der Kulturszene präsent sein, um die individualistischen Künstler zu beeinflussen und den schädigenden Einfluss von dekadenten bürgerlichen Personen auf die Werktätigen zurückzudrängen. Von der Kunst ginge stets eine permanente Gefahr aus, die sich schädigend auf die sozialistische Entwicklung auswirken konnte. Besonders die jungen Künstler sollten zum sozialistischen Realismus geführt werden. Das Ziel war, die gesamte Kultur in die einheitliche sozialistische Kulturpolitik zu integrieren. Kunst und Kultur mussten dem Aufbau der DDR dienen. Bestimmte Mitglieder des VBKD wurden wie bei der Kirche als progressive Kräfte eingestuft, die entsprechend zu fördern seien. Die Beiräte für bildende Kunst waren neben dem Ministerium für Kultur und den Räten des Bezirkes das offizielle Organ, die Künstler mit einer planvollen Auftragserteilung und anderen Methoden der Unterstützung linientreu zu machen und die Progressiven zu fördern. Offiziell legte der Minister fest, wie im Bezirk die Auftragserteilung mit konkreter Themenstellung zu planen und vorzunehmen sei. Über finanzielle Mittel sollte "die kulturpolitische Linie von Partei und Regierung unterstützt und durchgesetzt werden", um die Kunstschaffenden zur ideologischen Klarheit zu führen.
In den Akten des Staatsarchivs
fand ich zwei Zwickauer Künstler, die zu den
Bevorzugten der Auftragserteilung in den 60er Jahren gehörten. Die Recherche
in der Bundesbehörde erbrachte, progressive Künstler waren nicht zugleich IM.
Meine Hypothese, dass die Stasi die Kunst- und Kulturszene nach der gleichen
Methode behandelt habe wie die Kirche, wurde nicht bestätigt. Auch konnten in
den erschlossenen IM-Akten keine Beobachtungsberichte zur Tatjana Lietz gefunden
werden. An den IM-Akten "Rembrandt" und "Kurt Paul" kann die Absicht und das
konspirative Vorgehen der Stasi andeutungsweise erkannt werden. Wenn die entsprechenden
Sachakten vorliegen, kann dieses dann weiter konkretisiert werden. 1968 erstellte
der Leiter der Kreisdienststelle (KD) Zwickau Major Riedel eine Konzeption zur
IM-Werbung eines Künstlers. An diese Person wurden sieben Forderungen gestellt.
Sie sollte:
- umfassende Verbindungen im Bereich der bildenden Kunst besitzen; - in ihrem
Bereich fachlich anerkannt sein;
- Verbindungen zu anderen Kulturbereichen haben; - eine loyale Einstellung zur
DDR besitzen;
- kontaktfreudig, anpassungsfähig und reaktionsschnell sein;
- dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt sein;
- über Fähigkeiten der konspirativen Zusammenarbeit besitzen.
Zur Aufklärung im Bereich der bildenden Kunst kamen die IM "Köhler" und "Olaf" zum Einsatz und Leutnant Elbel wurde mit dieser Aufgabe betraut. Die Suche und Auswahl erbrachte, dass der Diplomgrafiker Klaus Matthäi den Anforderungen entsprach. Er erlernte den Beruf eines Farbenlithographen und hat ein Hochschulstudium abgeschlossen. Er war freischaffend, verheiratet und Mitglied der SED. Gehörte dem VBKD an, war ein gewählter Bezirkstagsabgeordneter und leitete den Wilkau-Haßlauer Mal- und Zeichenzirkel. Für seinen Beruf brachte er viel Energie auf. Seine künstlerischen Arbeiten waren fortschrittlich und parteilich. Aufgrund seiner beruflichen und gesellschaftlichen Tätigkeit war er viel unterwegs und hatte Kontakt zu vielen Personen. Verbindungen zur BRD, Westberlin und ins kapitalistische Ausland hatte er keine. Als negative Eigenschaft wurde hervorgehoben, er sei sehr sensibel und ihm fehle manchmal die Zivilcourage.
Auf Grund seiner Mentalität wurde von einer schriftlichen IM-Verpflichtung abgesehen. Sie wurde am 28.11.1968 mit Handschlag vorgenommen. Der IM wurde eingesetzt, die Personen aufzuklären, die Anhänger der Konvergenztheorie und der abstrakten Kunst seien. Die Treffs mit dem IM fanden gewöhnlich vierteljährlich in seiner Wohnung oder in seinem Atelier im Garten statt. Der IM lehnte das Aufsuchen einer konspirativen Wohnung ab. Ab 1978 wurde er als steuernder Stasi-Mitarbeiter vom Oberleutnant Neumann übernommen.
Die Malerin Tatjana Lietz wurde in einer Auflistung erwähnt, als der IM einen Bericht über die aktiven freischaffenden Künstler aus den beiden Kreisen Zwickau anfertigen musste. Jedoch eine Personeneinschätzung erfolgt nicht. Es ist ersichtlich, die aufgeführten Namen wurden von der Stasi überprüft und ausgewertet. 1986 verstarb der IM "Rembrandt" und seine Akte wurde archiviert.
Der IMS "Kurt Paul" alias Gerhard Bachmann wurde in der BV Dresden 1973 "auf
der Basis der politischen Überzeugung" verpflichtet. Dort hatte er als IMK ein
Objekt der Bezirksverwaltung abzudecken. Der freischaffende Maler und Grafiker
Bachmann galt als zuverlässiger Genosse und wurde 1984 von der BV Karl-Marx-Stadt
übernommen. Er wurde als Perspektivkader angesehen und sollte für eine Schlüsselposition
im VBK aufgebaut werden. Die Treffs fanden gewöhnlich zweimonatig auch in konspirativen
Wohnungen statt. Bachmann musste fast ausschließlich über die Kulturszene in
der Bezirksstadt berichten, aber "lehnt[e] eine personen- und sachbezogene Zusammenarbeit
mit dem MfS ab", da er ab 1988 keinen klaren Klassenstandpunkt mehr besaß. Von
Zwickau wurde nur von einem Fassadenmaler berichtet, der in den Neubaugebieten
Eckersbach und Planitz wirkte. Der IM wurde instruiert, "Eigenmächtigkeiten
im Zusammenhang mit der ´Fassadenmalerei´ zu unterlassen". In dieser Akte konnte
nichts über Tatjana Lietz gefunden werden.
5. Einschätzungen der Zwickauer Kulturarbeit
1957 schätzte die Abteilung Kultur ein, die politisch-ideologische Arbeit sei unterschiedlich entwickelt. Die Museen betrieben eine fachlich-wirtschaftliche Arbeit, aber es würde keine politisch-ideologische Auseinandersetzung geführt. Die Betriebe würden die Erforschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung kaum beachten. Der Arbeitskreis des VBKD Zwickau bestehe fast nur aus parteilosen Künstlern, die kein Interesse an den Fragen des sozialistischen Realismus zeigten. Deshalb besäßen die Künstler keine Kenntnis darüber, dass dieser Realismus eine künstlerische Schaffensmethode bedeutet. Dagegen werden in den Künstlerkreisen hauptsächlich nur rein soziale und wirtschaftliche Probleme erörtert. Die Bezirksleitung des VBKD gäbe auch keine politisch-ideologische Anleitung, dieses zu ändern.
Der Kunsthändler Gerhard Liebig in der Hauptstraße 64 fabriziere Kunstausstellungen,
"deren Aussage dem Wesen und Charakter unserer Gesellschaft" widerspräche. Seine
Ausstellungstätigkeit sollte nicht durch Verbote eingeschränkt werden, dadurch
würde er "von bestimmten Kreisen zu einem Märtyrer gemacht werden". Ihm sollte
hingegen unmissverständlich klar gemacht werden, "daß solche Erscheinungen der
gegenstandlosen abstrakten Kunst unseren Werktätigen nicht dienlich sind".
Drei Schlussfolgerungen wurden am Ende der Einschätzung gezogen:
1. persönliche Kontakte mit den Künstlern aufzunehmen, um die Kulturschaffenden
mit dem Ziel eines selbstlosen Einsatzes im Interesse unserer Gesellschaft
zu
begeistern;
2. in der bildenden Kunst zu gewährleisten, den Einfluss reaktionärer Theorien
auszumerzen;
3. die kulturellen Kader besser über organisiertes Selbststudium zu qualifizieren,
um eine Anerkennung ihrer Autorität zu erreichen.
1968 schätzte
der IM "Rembrandt" den VBKD Zwickau ein. In Zwickau gäbe es kein
richtiges Verbandsleben, nur in gewissen Abständen träfe man sich in der Gaststätte
"Glocke". Es käme nur die ältere Generation, die aber keinen Einfluss auf das
kulturelle Leben der Stadt ausübte. Diese Personen wären von der bürgerlichen
Tendenz geprägt. Es würden öfters Briefe von ehemaligen DDR-Künstlern, die
republikflüchtig
wurden und nun in der BRD lebten, herumgereicht. Hingegen die jüngere Generation
würde zu diesen Zusammenkünften nicht mehr eingeladen, weil sie gegen das
Brieflesen auftraten. Vor dem 20. Jahrestag der DDR konnte der IM berichten,
dass es bei
den Zwickauer Künstlern Schwierigkeiten gäbe, entsprechende Werke zu Ehren
des 20. Jahrestages anzufertigen. Die Termine wären so gelegt, dass die Künstler
nicht in der Lage seien, diese einzuhalten, weil sie noch andere Werke anfertigen
mussten. Bisher konnten nur fünf Werke für die Ausstellung im Museum abgegeben
werden. Dagegen die Künstler des Kreises Zwickau-Land haben eine eigene Ausstellung
organisiert, die in der Reinsdorfer Gaststätte "Ratskeller" präsentiert werden
soll. Die besten Werke werden ausgewählt und in die Bezirksausstellung gegeben.
Wiederum werden dann "die Besten im Republikmaßstab ausgestellt".
6. Mal- und Zeichenschule (MUZ)
Die Zwickauer Mal- und Zeichenschule war einmalig. Eine vergleichbare Einrichtung gab es in der DDR nicht. Die Gründung durch den Bühnenbildner Karl-Heinz Schuster kann nur aus der damaligen Aufbruchstimmung nach dem zweiten Weltkrieg erklärt werden. Künstler begannen frei und unabhängig die Folgen der Nazidiktatur zu bewältigen. Sie versuchten in der Bevölkerung, die Liebe zur Kunst zu wecken und den Nachwuchs zu fördern. Kunst baut Menschen auf, schenkt Hoffnung und lässt Visionen reifen. Das war in der Nachkriegszeit dringend nötig. So konnte das vorhandene Chaos besser ertragen werden und man konnte Kraft für den Neuaufbau schöpfen. Die Begeisterung und der Enthusiasmus waren groß, Neues in die triste und zerrüttete Gesellschaft zu pflanzen. Dozenten unterrichteten nicht wegen des Geldes willen, sondern sie wollten ihre individuellen Begabungen und persönlichen Fähigkeiten an Interessierten weiterreichen. Sie glaubten an die Schöpferkraft im Menschen. Ihr Elan wurde nicht gemindert, obwohl sie nirgends einen festen Platz und kein richtiges Zuhause in Zwickau fanden. Räumlich musste die Schule immer wieder umziehen, mit bescheidenen Mitteln arbeiten und sich häufig primitiv einrichten. Stationen ihres Wirkens waren: Atelier der Fröbelschule; Musikschule auf der Lothar-Streit-Straße 10; Dachgeschoß der Käthe-Kollwitz-Schule; in die Räume des Architekten Geyer auf der Äußere-Plauensche-Straße 18; Konservatorium; Atelierräume in der Thomas-Müntzer-Schule. Auch die juristischen Träger wechselten: Schutzverband bildender Künstler für Westsachsen, Robert-Schumann-Akademie, Volkshochschule, Rat der Stadt Abteilung Kultur. Ab 1952 leitete Prof. Carl Michel die Schule und führte bis 1963 einen aufrechten Kampf um den Erhalt der MUZ. Er rang um jeden Pfennig, um jeden Schüler und um die Beschaffung des Inventars. Staatliche Unterstützungen und offizielle Förderungen wurden kaum gewährt. Die Schule passte nicht in das verordnete sozialistische Klischee. Sie war keine Gründung der Partei und hatte damit keine Zukunftschance. Tatjana Lietz wurde 1953 in die Schule als Dozentin auf Honorarbasis berufen und unterrichtete mit Paul Schmidt-Roller und Erik Magnus Winnertz das Fach Malen. Die Akten dokumentieren situationsbezogene Vorgänge, die den Kampf um den Erhalt der MUZ festhalten.
1956 verfügte der Ministerpräsident der DDR, "die Volkshochschulen aus dem Verantwortungsbereich des Ministeriums für Kultur herauszulösen und dem Ministerium für Volksbildung" einzugliedern. Die Volkshochschulen haben die Lehrpläne der allgemeinbildenden polytechnischen Schulen zu übernehmen, damit sich die Schüler den Abschluss der Grundschule, der Mittleren Reife oder der Reifeprüfung aneignen können. Die MUZ entsprach nicht den Kriterien einer sozialistischen Schule. So wurde in der Ratssitzung der Stadt Zwickau am 1. August 1956 beschlossen: "Die der Volkshochschule angegliederte Mal- und Zeichenschule entspricht nicht den neuen Aufgaben der Volkshochschule und verbleibt deshalb bei der Abt. Kultur. Die Abt. Kultur hat dafür zu sorgen, dass bis zur endgültigen Klärung der Zuständigkeit die z. Z. laufenden Lehrgänge in der Mal- und Zeichenschule weitergeführt werden [...] Da im Stellenplan der Volkshochschule die Planstellen für die Mitarbeiter der Mal- und Zeichenschule nicht enthalten sind, hat die Abt. Kultur auch die finanziellen Angelegenheiten bis zur endgültigen Klärung weiterzuführen." Das "Unterstellungsverhältnis" ist vom Bezirk an die Stadt Zwickau zurückgegangen. Damit begann das Ringen um den Fortbestand der MUZ. Sie benötigte jährlich ca. 30 000 DM.
Bereits am 31. August
1956 schreibt der Leiter der Abteilung Kultur Herbert Pilz, dass zwar eine
ordnungsgemäße Weiterführung der MUZ-Lehrgänge für das
Herbstsemester garantiert sei, aber im neuen Jahr die grundsätzliche Frage des
Fortbestandes geklärt werden muss. Deshalb wird dem Rat der Stadt der Vorschlag
unterbreitet, folgende Klassen in die Mal- und Zeichenschule der Stadt Zwickau
aufzunehmen:
Modellieren, Klöppeln, textile Volkskunst, Stroharbeiten, Kinderklasse für
Malen und Zeichnen und für Klöppeln. Damit würden für viele interessierte
Werktätige
ein "reiches künstlerisches Betätigungsfeld" in der angewandten Kunst geschaffen.
Zur Umsetzung des Vorschlages kam es nicht. Natürlich sollte in allen Klassen
der gesellschafts-wissenschaftliche Unterricht (GeWi) eingeführt werden.
Die Mal- und Zeichenschule besaß eine Satzung. Unter dem Punkt Allgemeines wurde hervorgehoben, dass sie die einzige Schule der DDR sei, die die Werktätigen ohne Aufgabe ihres Berufes ihre Begabungen in Zeichnen und Malen ausbildete. Der Unterricht sei eine Erwachsenenqualifizierung. Die Schule setzte sich ein dreifaches Ziel: den Studierenden ein Grundlagenstudium zu geben; Dekorationsmaler, Gebrauchswerber, Gebrauchsgraphiker, Dekorateure, Kunsterzieher usw. in ihrem Beruf zu qualifizieren; begabte Studierende für die Aufnahmeprüfung an einer Hoch- oder Fachschule vorzubereiten. Über 60 Studierende haben so bereits die Aufnahmeprüfung bestanden. Zur MUZ-Aufnahmeprüfung mussten die Schüler mit Bleistift einen Kopf zeichnen, damit der Stand der Begabung festgestellt werden konnte. Da neben Dienstag- und Donnerstagabend der Unterricht auch am Sonnabend stattfand, mussten die Werktätigen eine Delegierung vom Betrieb mit Freistellung beibringen, damit ein Lohnausgleich und die Zahlung des Semesterschulgeldes erfolgen konnten. Das Schulgeld für ein Semester betrug 50 DM. Nach jedem Semester fand eine Pflichtprüfung statt. Nach vier Semestern erhielten die Studierenden ein Abschlusszeugnis. Die Absolventen konnten sich in einer Meisterklasse weiter qualifizieren. Auch Gasthörer konnten sich melden. Sie erhielten nur eine Bestätigung der belegten Fächer. In 11 Disziplinen wurde unterrichtet: Zeichnen, Malen, Perspektive, Maltechnik, Schrift, Anatomie, Gesellschaftswissenschaften, Komposition, Kunstgeschichte, Aktzeichnen und Aktmalen.
1957 wurden
harte Verhandlungen über den Fortbestand der MUZ geführt. Sowohl
beim Rat der Stadt Zwickau als auch beim Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt standen
keine Gelder zur Verfügung. Es wurde daran gedacht, eine Dozentenstelle
einzusparen, um den steigenden Lohnfond zu entlasten. Weiterhin sollten
bestimmte Schüler
wie Gebrauchswerber und andere artverwandte Berufe ausgegliedert und durch
Handelsbetriebe betreut werden. Dadurch würde eine Schülergruppe wegfallen
und die Lohnkosten würden sinken. Der Zwickauer Stadtrat Meyer beschloss,
sich an das Ministerium für Kultur in Berlin zu wenden und die bedrohliche
Situation der MUZ zu schildern. Er schrieb: Seit 1947 bestehe die einmalige
Mal- und Zeichenschule. Die jährlichen
Haushaltsmittel von 30 000 DM könnte die Stadt nicht aufbringen. Sie sei überfordert.
Der Rat des Bezirkes könnte diese Mittel auch nicht zur Verfügung stellen, "da
sie keine Schule für eine abgeschlosse Ausbildung im Sinne einer Fachschule
ist". Wenn die MUZ einer Abendfachoberschule angeschlossen werden sollte,
dann müssten zusätzlich technische Zeichner, Dekorateure, Plakatmaler etc.
ausgebildet werden und "die künstlerisch wertvolle Ausbildung" würde darunter
leiden. Die jungen Menschen könnten nicht mehr "an die schöpferischen Fragen
der Kunsterziehung und der Kunstausübung" herangeführt werden. Die Qualität
der Ausbildung würde
stark sinken. Die Folge wäre, keine Nachwuchskünstler und Kunstpreisträger
wie Karl-Heinz Jakob, Edgar und Erika Klier könnten mehr hervorgehen. Die
MUZ sei
"für Westsachsen das Auffangbecken aller begabten Werktätigen", um sich in
ihrem Beruf zu qualifizieren und als Laienkünstler fundiertes Wissen zu erhalten,
oder sich auf die Aufnahmeprüfung an Kunst- und Fachschulen vorzubereiten.
Bereits 30 Schüler hätten so die Aufnahmeprüfungen bestanden. Das konnte
sogar Prof. R. Bergander von der Hochschule für Bildende Künste in Dresden
bestätigen, denn
er setzte sich ein, "dass die Mal- u. Zeichenschule unbedingt in ihrer bestehenden
Struktur erhalten bleiben muss". Der Stadtrat sprach die dringende Bitte aus,
dass sich das Ministerium einsetzen sollte, um die "Mittel zur Weiterführung
unserer Mal- und Zeichenschule zusätzlich genehmigt zu bekommen". Weiterhin
bat er darum, mit weiteren Stadtabgeordneten und Professor Michel um einen
Gesprächstermin
im Ministerium, damit mündlich das Anliegen vorgetragen werden kann. In gleicher
Weise schrieb Professor Michel an das Ministerium. Er kämpfte um den Erhalt
der Schule. Er ahnte die beabsichtigte und vollkommene Zerschlagung der MUZ,
denn sie hatte sich im Laufe der Jahre einen zu guten Ruf erworben. Sie war
unabhängig und hatte großen Zulauf.
Von den einstigen 5 Schülern aus dem Jahr 1952 wurden 77 Studierende. Professor
Michel schlüsselte diese Zahl genau auf: 52 Arbeiter, 19 Angestellte, 2 Selbständige,
1 ohne Beruf (Hausfrau), 1 Oberschüler, 1 Student (Ingenieurschule), 1 Intelligenz
(Kreisarzt). So sollte dokumentiert werden, wie die arbeitende Bevölkerung die
MUZ annahm. Das Ministerium sollte einen Rat geben, damit die 77 Studierenden
nicht ihr Studium aufgeben müssten. Ebenfalls bat er um ein Gespräch mit weiteren
Ratsmitgliedern.
Zu einem klärenden und weiterführenden Gespräch scheint es nie gekommen zu
sein. Folgende Aktennotiz weist darauf hin: "Stand am 5.6.58 - Vom Kollegen
Prof. Laux bis heute noch keine Antwort. Pilz".
Der Abteilungsleiter für Kultur Herbert Pilz erhielt zum Jahreswechsel 1957
einen persönlichen Dank von Professor Michel für seinen Einsatz und Kampf
um den Bestand der MUZ. Herbert Pilz war selbst Dozent an der MUZ und unterrichtete
das Fach Gesellschaftswissenschaften. Mit seiner Hilfe konnten bisher Schädigungen
abgewendet werden. Er bat den Abteilungsleiter, "den Kampf um die Stabilisierung"
der MUZ weiter fortzuführen. Seine Hilfe und Unterstützung würde benötigt.
Er könnte gewiss sein, dass das Dozentenkollektiv hinter ihm stehe. Er wurde
darum gebeten, auch im neuen Studienjahr mit "wegweisenden Vorträgen den Weg
zum sozialistischen Realismus zu ebnen".
Die MUZ bemühte sich, geforderte gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen und in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Zur Vorbereitung der Kommunalwahlen 1957 organisierte die Schule einen Tag der offenen Tür mit dem Thema: "So unterstützt der Arbeiter- und Bauernstaat bei der Qualifizierung unsere Begabungen in Zeichnen und Malen". Der Leiter der MUZ, die Dozenten, die Schüler und die Abteilung Kultur waren für diesen Tag der offenen Tür verantwortlich. Dazu sollten die Dozenten eine persönliche Stellungnahme zur Kommunalwahl vornehmen, die in der Freien Presse oder im Pulsschlag veröffentlicht werden sollte. Am 1. Juni fand dieser Tag statt. Professor Michel berichtete von 57 Besuchern, die hauptsächlich Jugendliche waren. Auch Eltern von schulpflichtigen Kindern fragten an, ob sie ihre begabten Kinder zum Unterricht schicken könnten. Leider musste auf die Verfügung des Ministeriums für Volksbildung hingewiesen werden, dass dafür die Pionierzirkel in den Schulen vorgesehen seien. Professor Michel bedauerte, dass nicht die Kulturfunktionäre der Betriebe, die Parteifunktionäre und die Vertreter der Presse erschienen waren. Die MUZ ließ sich zur Wahlpropaganda am 22. Juni in Steinpleis zu einem Landeinsatz einsetzen. Alle Klassen und Dozenten nahmen daran teil, außer der Kollegin Lietz, die verhindert war. Die Klasse von Frau Lietz wurde von den Kollegen Erik Winnertz und Paul Schmidt-Roller betreut. Ursprünglich sollte in der Schweinemästerei gemalt und gezeichnet werden, damit die arbeitende Landbevölkerung die Künstler dort bei ihren Studien beobachten und mit ihnen in Diskussion treten konnte. Aber da gerade eine Schweinepest abgeklungen war, durfte die Mastanlage aus Vorsichtsgründen nicht betreten werden. Deshalb wurde in der Nähe des Staatsgutes gearbeitet, bis gegen 15 Uhr ein wolkenbruchartiger Regen einsetzte und der Unterricht beendet werden musste.
Die MUZ durfte die VEB Steinkohlewerke "Martin Hoop" als Brigadeeinsatz des VBKD besuchen, um dort vor Ort die Werktätigen bei ihrer Arbeit zu malen und zu zeichnen. Sie folgte dem Aufruf des Parteitages: "Kunst hilft Kohle". Tatjana Lietz und Erhard Zierold hatten ihre Personalien vorher nicht eingereicht. Es wurde darum gebeten, sie sollten trotzdem die Ausweise zum Betreten des Werkgeländes erhalten. Erhard Zierold reichte später seine Personalien ein. Über den Sommer 1958 hinweg fand der Einsatz statt. Mitte Juni sollte ein Kulturgespräch mit den Werkstattangehörigen durchgeführt werden. Eine Anregung der Werkleitung an den Oberbürgermeister erging, die Künstlerbrigade sollte die fertig gestellten Arbeiten in einer Geschenkmappe vereinen. Ein Resümee des Künstlereinsatzes erbrachte, der VBKD klagte über die ungenügende Unterstützung, obwohl der V. Parteitag der SED beschlossen hatte, derartige Einsätze zu unterstützen. Aus den Unterlagen geht nicht hervor, ob Tatjana Lietz sich an diesem Brigadeeinsatz beteiligte.
Die MUZ schickte an den DDR-Außenminister Dr. Lothar Bolz einen Brief und einen Holzstich "Frieden". Er weilte zur Außenministerkonferenz in Genf. Dort wurde über den Abschluss eines Friedensvertrages mit beiden deutschen Staaten verhandelt. Professor Michel, die Dozenten und die Studierenden wollten mit diesem Schreiben ihre tiefe Anteilnahme zum Verlauf der Konferenz zum Ausdruck bringen. Es sollte dringlich die deutsche Frage gelöst und der "kalte Krieg" beendet werden. Die MUZ stehe mit vielen anderen Millionen unsichtbar hinter dem Konferenztisch, um dem Außenminister "Kraft, Ausdauer und Freude zur glücklichen Lösung Ihrer so schweren Aufgaben" zu wünschen.
Es bestand die Absicht, die MUZ zu einer Außenstelle der Hochschule für Bildende Künste Dresden zu machen. 1958 wurden unterschiedliche Verhandlungen über den Rat des Bezirkes mit dem Rektor der Hochschule Professor R. Bergander geführt. Die Meinung der Hochschulkollegen war, gern die Mal- und Zeichenschule zu unterstützen, aber daraus keine Außenstelle zu machen. Der Senat der Hochschule unterbreitete den Vorschlag, eine Patenschaft zu übernehmen, indem sie die Zwickauer Kollegen laufend durch Beratung betreuen. Dieses könnte sowohl in Zwickau als auch in Dresden geschehen. Dieser Vorschlag wurde über den Rat des Bezirkes dem Ministerium vorgelegt. Von dort wurde die Genehmigung mit bestimmten Auflagen erteilt. Die Patenschaft durfte sich "nur auf künstlerische und ideologische Anleitung erstrecken. Keinesfalls darf die Hochschule in finanzielle Mitleidenschaft gezogen werden".
Es liegt ein Brief vor, in dem sich Professor Michel hilfesuchend an den Paten der Hochschule in Dresden wendete. Im Haus der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft fand eine Tagung der Zirkelleiter für Laienschaffende statt. Während dieser Tagung sei dort im negativen Sinn über das schwebende Verfahren der MUZ diskutiert worden. Das waren unerhörte Angriffe, die für Professor Carl Michel einen unhaltbaren Zustand darstellten. Er informierte den Paten "Hochschule" und bat eindringlich, sich einzusetzen, "um endlich ein ruhiges, zielsicheres Arbeiten zu gewährleisten und die ewige Unruhe im Schulbetrieb zu bannen". Es sollte ein Schlussstrich unter diese unliebsamen Zustände gezogen werden. Professor Michel musste den Dienstweg einhalten und konnte sich nicht direkt an das Kultusministerium wenden. Deshalb bat er Professor Bergander, dieses trotz seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen und Überbelastungen für die MUZ zu tun. Der Schule mangelte es an Geld. Zwei Schreiben geben von den Schwierigkeiten mit dem Trabantwerk VEB Sachsenring Einblick. Sieben Kollegen aus diesem Betrieb erhielten für den Sonnabendunterricht keine weitere Freistellung, obwohl es dafür gesetzliche Regelungen gab. In einem Schreiben, das von Professor Michel und dem Abteilungsleiter für Kultur Pilz unterschrieben worden war, wurde darauf hingewiesen, der Mal- und Zeichenunterricht haben einen gesamt gesellschaftlichen Nutzen, weil die Begabung der Kollegen gefördert werde. Sie könnten sich fachlich qualifizieren, um dann später im Rahmen der Volkskunstbewegung innerhalb des Betriebes besser wirken zu können.
Ein Jahr später verweigert der VEB Sachsenring seinen delegierten Kolleginnen und Kollegen das Schulgeld. Die Schüler sollten die Semestergebühren von insgesamt 336 DM selbst zahlen, obwohl der Betrieb bei der Delegierung zugesichert hatte, diese Gelder zu entrichten. Die Schüler sahen sich nicht in der Lage, diese Gebühren zu entrichten. Dadurch vergrößerte sich das Haushaltsloch der MUZ. Wie die Auseinandersetzungen ausgingen, darüber wurde in den Akten nichts vorgefunden.
Die Haushaltabrechnung von 1960 gibt einen Einblick von dem bescheidenen Umfang der MUZ-Gelder. Den Einnahmen von 6.600 Mark standen Ausgaben in Höhe von 31.300 Mark gegenüber, wobei der Lohnfond mit 11.600 Mark nur ein Drittel der Gesamtausgaben ausmachte.
Die Anzahl der Schüler
wird angegeben:
1957 insgesamt 160 Studierende
1958 insgesamt 152 Studierende
1959 insgesamt 82 Studierende im Frühjahrssemester und 86 Studierende im Herbstsemester.
Ein Teilnehmer der MUZ beschwerte sich offiziell über die praktizierte Verfahrensweise im Trabantwerk. Er wandte sich über den VEB Sachsenring an das Bezirkshaus für Volkskunst in Karl-Marx-Stadt, weil er während des Unterrichtes am Sonnabend keinen Lohnausgleich erhalten habe. Die Eingabe wurde bearbeitet. Es wurden entsprechende Aussprachen mit den Funktionären des Betriebes geführt. Das Ergebnis war, der Teilnehmer erhielt weiter seinen Lohnausgleich. Ein Dozent rechnete in der Honorarliste eine Doppelstunde ab, die er nicht gehalten hatte. Er war während dieser Zeit in Dresden. Dieses wurde entdeckt und dem musste Professor Michel nachgehen. Dem Dozenten wurde "das Verwerfliche seiner Handlungsweise (unrechtmäßige Bereicherung am Volkseigentum) vorgehalten und die angeführte Doppelstunde gestrichen". Dieser Vorgang wurde zur Haushaltskontrolle geschickt. Eine Aktennotiz bringt die Meinung des Kollegen Gerd Zimmer aus Karl-Marx-Stadt zum Vorschein. Er vertrat die Ansicht, "daß die Mal- und Zeichenschule überhaupt keine Schule mehr sei, sondern die Studierenden lediglich ihre Arbeiten (Studien) anfertigten, um sie nachher zu verkaufen".
Die MUZ hätte sich zu einer Bilderfabrik entwickelt. Kollege Dietzsch widersprach dem energisch, wenn dieses so wäre, dann wären die Käufer besser befriedigt als in den Kitschkunstläden. Eine weitere Niederschrift belegt den Neid, die Missgunst und die Eifersucht der Städte Plauen und Karl-Marx-Stadt. Sie gönnten der Stadt Zwickau nicht die Einrichtung der Mal- und Zeichenschule. Die MUZ mietete sich Unterrichtsräume in der Berufsschule "Thomas Müntzer" an. Der Hausmeister machte Schwierigkeiten. Er wollte, dass die Unterrichtsräume am Sonnabend besonders vor den Festtagen nicht benutzt werden sollten, da er da frei hätte. Professor Michel richtete an den Rat der Stadt die Bitte, dass der Hausmeister trotzdem die Räume aufschließen sollte, da die meisten Werktätigen gerade am Sonnabend unterrichtet werden wollten. Ein Studierender der Meisterklasse erhängte sich am 9.6.58 in seinem Betrieb. Er gehörte zu den pünktlichen und fleißigen Schülern. Er gehörte auch zu denen, die die besten Prüfungsarbeiten abgelieferte hatte. Seine Arbeiten berechtigten ihn, die Aufnahmeprüfung an der Hoch- oder Fachschule der DDR bestehen zu können. Professor Micheln schrieb, seinen Brief betreff Wettbewerb: "Nutzt die Kunst als Waffe" solle zu den Akten gelegt werden.
Zur 9. Sitzung des Rates der Stadt Zwickau wurde am 9.5.1963 eine Ratsvorlage eingebracht, die Mal- und Zeichenschule zu reorganisieren. Der Leiter der MUZ Professor Carl Michel und der Dozent Rudolf Lohse wurden zum 6. Tagesordnungspunkt: "Reorganisation der Mal- und Zeichenschule Zwickau" mit eingeladen. Die Ratsvorlage hatte folgenden Inhalt: "Lt. Direktive des ZK der SED und zu der Verordnung über die Erwachsenenqualifizierung vom 27.9.62 wird die gesamte Erwachsenenqualifizierung der Volkshochschule unterstellt.
In der Stadt Zwickau besteht seit dem 1.1.1952 lt. Verfügung der staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten, Abt. Laienkunst, die Mal- und Zeichenschule, hervorgegangen aus der bis dahin existierenden und nach dem Krieg gegründeten Robert-Schumann-Akademie. Diese Schule bildet Erwachsene und Jugendliche auf dem Gebiete der Malerei und Grafik aus. Nach der Absolvierung von 4 Semestern wird an die Studierenden ein Beschäftigungsnachweis ausgestellt, welcher keinem staatlichen Abschlusszeugnis gleichkommt.
Über dieses Ausbildungssystem hinaus wird seit Jahren an der Volkshochschule mit denselben Dozenten wie an der Mal- und Zeichenschule der gleiche Lernstoff vermittelt, so dass dadurch seit Jahren eine Zweigleisigkeit in der Ausbildung besteht. Lt. Verordnung über die Einrichtung der Spezialschule für künstlerisches Volksschafen werden ab März einheitlich in der Republik Spezialschulen, so u. a. für Malerei und Grafik mit staatlicher Anerkennung durch das Kabinett für Kulturarbeit durchgeführt. Um die Verordnung zur Erwachsenenqualifizierung Rechnung zu tragen, ist ein einheitliches Ausbildungssystem in der Spezialschule im Rahmen der Volkshochschule gewährleistet. Auf Vorschlag des Ministers für Kultur und des Rates des Bezirkes Karl-Marx-Stadt soll die Mal- und Zeichenschule per 31.8.1963 aufgelöst werden.
Durch die Spezial- und Volkshochschule wird gewährleistet, dass alle Kulturinteressierte auch weiterhin eine entsprechende Ausbildung erhalten. Durch diese Maßnahme würde ein ökonomischer Nutzen von jährlich 32. 000, -- DM erzielt." Der Rat der Stadt beschloss die Auflösung der Mal- und Zeichenschule mit dem 31. August. Das Anlagevermögen musste an die Volkshochschule Zwickau überführt werden. Bis dahin mussten sämtliche finanziellen Verpflichten abgeschlossen werden. Der Mietvertrag mit der Abteilung Volksbildung wurde annulliert. Mit den Honorardozenten mussten bis Ende Mai Aussprachen geführt werden. Das spärliche Inventar kam auf den Müll. Professor Michel rang vergeblich um die mühsam erworbene Druckpresse, die verschrottet wurde. Es wurde nach der Devise gehandelt: "Haut den Dreck auf den Mist!"
Die Reorganisation der MUZ bedeutete eine Vernichtung der DDR-einmaligen Einrichtung.
Sie entsprach nicht dem einheitlichen sozialistischen Bildungssystem.
7. Einschätzungen
In den staatlichen Archiven konnten zwei Dokumente zu Tatjana Lietz gefunden werden. 1957 schrieb der Leiter der Abteilung Kultur Pilz eine Beurteilung an die Abteilung Volksbildung. "Wir bestätigen, dass Frau Tatjana Lietz, geb. am 9.9.1916, wohnhaft in Zwickau, Emilienstraße 12, ein ordentliches Mitglied des Verbandes Bildender Künstler Deutschlandes ist und der Sparte Maler angehört. Im Arbeitskreis Zwickau des VBKD entwickelt sie eine aktive gesellschaftliche Tätigkeit. Trotz ihrer hauptberuflichen Aufgabe als Lehrerin, vollbringt sie hervorragende künstlerische Ergebnisse. Ihre künstlerischen Arbeiten werden nicht nur von den Verbandskollegen anerkannt, sondern auch von breiten Kreisen der Öffentlichkeit. Seit Jahren steht sie im Dienst der Mal- und Zeichenschule als Dozentin der Malklasse. Dort erfreut sie sich der Wertschätzung ihrer Schüler und Dozenten. Wir schätzen Fr. Tatjana Lietz besonders als Künstlerin und Persönlichkeit. Wir wünschen für ihre weitere berufliche Entwicklung viel Erfolg."
1979 richtete Tatjana Lietz an den Bezirksverband folgendes Schreiben wegen der Bezirksausstellung: " Anbei schicke ich Ihnen den hiesigen ´Pulsschlag´, den ich bitte auf S. 9 u. 10 zu lesen, aus dem Sie ersehen werden, dass ich nicht untätig bin. Auch habe ich vor, im Jahr 1980 in unserer Galerie am Domhof (2 große Räume) eine eigene Ausstellung meiner neusten Arbeiten zu veranstalten. Dafür muss ich 80-100 Arbeiten haben. Diese beiden Gründe mögen mir als Entschuldigung dienen, dass ich mich an der diesjährigen Bezirksausstellung nicht beteiligen kann. Bitte nehmen Sie dies zur Kenntnis."
Im Pulsschlag der Stadt
Zwickau stand die Information, dass vom 5. März bis
10. April 1979 eine Ausstellung in der Kleinen Galerie im Zwickauer Klub der
Intelligenz zu sehen sein wird. Es bestehe auch die Möglichkeit zu einem Künstlergespräch
am 3. April. Der Besucher könnte sich mit Werken Tatjana Lietz vertraut machen
und sich von ihrem Schaffen ein Bild machen. Weiterhin wurde eine einfühlsame
Einschätzung von Tatjana Lietz vorgenommen. Zwar wurde in der Biografie der
falsche Geburtsort angegeben (Riga statt Petersburg), aber der Schreiber hob
treffend hervor, ihre Bilder tragen "altmeisterliche" Grundzüge. "Von Beginn
an gehörte ihre große Liebe dem Porträt. In den Gesichtern der Menschen sucht
sie nach den Spuren, die das Leben dort gezeichnet hat. Vordergründig, und das
im positiven Sinne, geht es darum, nicht etwa an der Oberfläche des Geschauten
stehenzubleiben, sondern in den Menschen ´einzudringen´, seinen Charakter zu
erfassen und dabei Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen." Dagegen in den
Landschaftsskizzen und -gemälden halte sie oft Details fest, die sie an ihre
Heimat der Kindheit erinnerten. Die Zeit als Dozentin an der MUZ wollte sie
nicht missen, "das war eine Arbeit, die mir auch sehr viel gab".
8. Lehrerzeugnisse
Der Lehrer Karl Herwig und die Lehrerin Heidrun Klempahn vom Gerhart-Hauptmann-Gymnasium erinnerten sich an ihre Kollegin Tatjana Lietz. Sie brachten gegenseitig viel Achtung und Verständnis auf, was in der damaligen DDR-Zeit ein großer menschlicher Wert war. Es war ein Reichtum, weil untereinander reger Gedankenaustausch und geistige Übereinstimmung bestanden. Schriftlich wurden mir kleine Erinnerungen und kurze Episoden aus Tatjanas Leben zugestellt.
Karl Herwig kann berichten:
1976 schied sie sofort mit Erreichung des Rentenalters aus dem Schuldienst
aus. Durch Hitlers Politik "Heim ins Reich" und durch den Krieg kam sie
mit ihren Eltern über manche Irrwege nach Zwickau. Der Doppelhelmturm
der Marienkirche, der sie an die Petrikirche in Riga erinnerte, war der
Anlass, sich hier niederzulassen
und eine neue Heimat zu finden. Begeistert hat sie immer von den schönen Erinnerungen
der Kindheit und Jugend erzählt. Sie war dankbar über jede kleine Geste, die
sie an die alte Heimat erinnerte wie die blühenden Kirschzweige zum Barbaratag
am 4. Dezember oder zu Ostern das "Pas´cha", ein Gericht nach Tatjanas Rezept.
Wer sich ehrlich mit Tatjanas baltischen Leben auseinandersetzte, der konnte
ihrer inneren Dankbarkeit gewiss sein. Sie unterrichtete Russisch und Kunstgeschichte,
aber in der künstlerischen Betätigung fand sie ihre eigene Lebensaufgabe. Wenn
sie die Punkte und den Notendurchschnitt zusammenrechnete, machte sie es
stets
in Russisch. Auf Grund ihrer Russischkenntnisse wurde ihr die Betreuung der
Schulgruppe der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft übertragen.
Dafür musste sie immer wieder Listen, Statistiken und Berichte anfertigen,
die ihr ein Gräuel waren. Karl Herwig hat für sie diese profanen Aufgaben übernommen
unter der Überschrift: "Papier ist geduldig". Dieser Dienst wurde von ihr
mit großer Bewunderung und Dankbarkeit belohnt. Die Schüler ihrer Klassen
achteten und ehrten Tatjana. Die Gründe der Verehrung waren ihre Besonderheiten
und vor allem die Begeisterung, wie sie den Kunstgeschichtsunterricht mit
großer persönlicher
Anteilnahme vornahm. Es fanden sich immer wieder Schüler als bereitwillige
Helfer ein, ihren Kleingarten zu pflegen, bis sie ihn im fortgeschrittenen
Alter aufgeben
musste. Sie war keine modebewusste Frau, die weder auf den neusten Modeschrei
noch auf einen besonderen Kopfputz wert legte.
Mit Szenen und Anekdoten aus dem Leben von Tatjana, die Heidrun Klempahn im Gedächtnis bewahrt hat, kann der Leser nachempfinden, wie Tatjana Lietz natürlich im Leben stand. Aufruf an die Schüler: "Kinderchen, kauft Zeichenblöcke, die kosten nicht teuer." Zwei sehr brave Schülerinnen sprechen Tatjana an: "Frau Lietz, dürfen wir Sie auf etwas aufmerksam machen? Ihr Unterrock guckt vor." Antwort: "Seid froh, dass ich einen anhabe und dass er sauber ist." Eine Lebensmaxime Tatjanas war: "Sich kleiden unter seinen Verhältnissen; essen nach seinen Verhältnissen; wohnen über seinen Verhältnissen." Sie hatte eine Auseinandersetzung mit der Polizei bezüglich ihres Geburtsortes. Polizist: "Ihr Geburtsort stimmt nicht. Sie sind in Leningrad geboren." Tatjana: "Nein, pfui, ich bin in St. Petersburg geboren." Empörung auf beiden Seiten. Ausgang offen. Sie besaß ein Stück Erde als Garten. "Man braucht überall, wo man lebt, ein Stück Erde. Ach, wenn es doch endlich schneien würde; die werden wieder kontrollieren kommen und mein Unkraut sehen und mir den Garten wegnehmen." Mit der Schule musste sie zum Kartoffellesen-Einsatz fahren. Folgende Szene spielte sich ab: "Frau Lietz, was wollen Sie denn mit diesem kleinen Beutel? Wollen sie Pilze suchen?" "Nein, Kuhkacke, die brauch´ ich für meinen Garten, da wachsen die Tomaten besser." (Die Schüler kringelten sich vor Lachen auf dem Acker.) Gespräch mit einer ebenfalls unverheirateten Kollegin: "Na, nun ist es schon zu spät, dass man einen Mann findet." Tatjana: "Ach, man kriegt schon, man kriegt schon!" Nach dem Kartoffeleinsatz spricht eine Kollegin Tatjana an: "Ach, jetzt müssen wir durch die Stadt gehen und sind beide so schmutzig." Tatjana: "Für die Proleten reicht´s!" Am Wochenende: "Jetzt gehe ich auf den Bahnhof, ich brauche eine Flasche Schnaps. Dann seh´ ich alles durch die Rosa-Brille." - Tatjana trank gewöhnlich keinen Schnaps, sie benutzte Schnaps als Metapher, wie man den ideologischen Druck aushalten konnte. Eine Kollegin spricht Tatjana an: "Sie haben ja Ihren Beruf gar nicht im Telefonbuch stehen." "Nein, pfui, ich bin nicht Lehrerin, ich bin Mitglied im Verband Bildender Künstler."
Beerdigung von Tatjana Lietz
Freitag am 16. März 2001 um 10 Uhr auf dem Hauptfriedhof Zwickau
Der 39. Psalm fasst ein
Stück des Lebens von Tatjana Lietz zusammen.
Liebe Trauergemeinde!
Am letzten Sonntag ist unsere Tatjana Lietz verstorben. Sie war wie eine brennende Kerze, die nun erloschen ist. Sie besaß keinen Mann, keine Kinder und auch keine leibliche Verwandte. Trotzdem führte ich nach ihrem Heimgang sehr viele Gespräche, denn sie war nicht einsam. Es waren enge Vertraute, Malkinder, Berufskolleginnen und Kollegen, Tatjanas Verehrer, ehemalige Schüler, Nachbarsleute, Pflegepersonal... So eine Fülle von Gesprächen habe ich bisher in meinem Pfarrersein vor einer Beerdigung noch nicht erlebt. Erinnerungen unvergesslicher Art tauchten auf; Erlebnisse und Episoden erzählten von der Einmaligkeit ihrer Person; lebendig und unverblümt wurden Bilder gemalt, so wie Tatjana wirklich war. Jeder zeichnete sie aus seiner Sicht, so wie in der Malerei. Jeder drückte seine Empfindungen und Sichtweisen aus. Alle Gespräche waren wie Momentaufnahmen. Ich wagte in der Abschiedspredigt, die Schilderungen ihres gewesenes Lebens wie in einem Puzzle zusammenzufügen.
Tatjana Lietz war wie ein baltisches Urgestein, das in der vorerzgebirgischen Arbeiterstadt sein Künstlertalent entfaltete. Urgestein ist kein Schimpfwort, denn sie selbst liebte drastische Redewendungen und Sprichwörter, um ihre Lebensweisheiten und -einsichten auf einen Punkt zu bringen. Sie war in Zwickau bekannt, berühmt und wurde sogar zur Ehrenbürgerin ernannt. Sie war eine Frau, die die drastischen Veränderungen und kriegerischen Wirrnisse des 20. Jahrhunderts am eigenen Leibe erfahren hatte. Stichworte sollen genügen, um sich gedanklich in diese Zeit hineinversetzen zu können: Russland, Oktoberrevolution, Sowjetunion, lettische Republik, Hitler-Stalin-Pakt, deutsche Besetzung des Baltikums, Krieg, Flucht vor den Russen, ausgebombt in Berlin, Wahlheimat Zwickau, 40 Jahre DDR, BRD. Sie lebte zwischen Zarenzeit und Demokratie. Welten liegen dazwischen. Das 20. Jahrhundert war konflikt- und spannungsgeladen. Sie war in den gesellschaftlichen und politischen Ereignissen und Auseinandersetzungen mitten drin. Sie versuchte ihren Künstlerweg zu gehen. Sie war unverheiratet, kinderlos, zuletzt auch ohne leibliche Verwandte. Sie besaß ein weites und warmes Herz, das andere Herzen erwärmen konnte. Von dieser Wärme wurden wir alle ergriffen. Deswegen sind wir hierher gekommen, um sie noch einmal öffentlich zu ehren und von ihr Abschied zu nehmen.
Noch eine Besonderheit
der geführten Gespräche soll betont werden. In ihnen
ging es nicht um Dinge, die heute wichtig und "in" sind, wie Geld, Besitz, Ansehen,
Ruhm, politische Anschauungen, Lobby, Anerkennung, Ehre, materielle Werte, sondern
um die Eindrücke, die Tatjana hinterließ. Sie stieß etwas an, löste etwas aus, sie
setzte und forderte innere Werte. Sie besaß sowohl eine rhetorisch als auch
künstlerisch eigene Art, die Welt und sich selbst aus ihrer Sicht zu betrachten
und zu interpretieren. Sie gab, schenkte und pflanzte dem Gegenüber ein Samenkorn
ein in der Hoffnung, dass es später aufgehen wird. Man ging von ihr verändert
fort. Das eigene Leben wurde bereichert und sogar geprägt. Sie war eben einmalig,
ein Genie - eine Künstlerin. Bei den Gesprächen verspürte ich stets eine aufrichtige
Dankbarkeit, diese Frau gekannt und erlebt zu haben. Diese Beerdigungspredigt
soll dreigeteilt sein.
1. Aus Tatjanas Leben
2. Was sie auslöste
3. Wie sie ihren Glauben lebte.
1.) Tatjana Lietz besaß ein kyrillisches Dokument ihrer Taufe, das am 27. August 1918 in Petrograd, dem späteren Petersburg, dann Leningrad und jetzt wieder Petersburg ausgestellt wurde. Allein durch diesen Taufschein kommt symbolisch die Verworrenheit ihres Lebens zum Ausdruck. Im zaristischen Russland brauchte man keinen Geburtsschein. Das wurde für sie bei den ordnungsliebenden Deutschen zum Problem - ein Mensch ohne Geburtsurkunde! Dazu kam noch, in Russland wurden die Jahre nach dem Julianischen Kalender gezählt, dagegen in Deutschland nach dem Gregorianischen Kalender. So ist ihr Geburtsdatum auf den 9. September 1916 datiert worden. Ihr Vater war Steuerinspektor und während des ersten Weltkrieges im aktiven Heeresdienst. Sie war das einzige Kind. Nach der Oktoberrevolution 1917 zogen die Eltern zurück in ihre lettische Heimatstadt Riga an der Düna. Seit über 200 Jahren lebten die Vorfahren in dieser Stadt. Sie wuchs in einem bürgerlichen Haus auf, in dem sich viersprachig verständigt wurde. Tantjana beherrschte die deutsche, französische, russische und lettische Sprache. Mit 6 Jahren erhielt sie Klavier- und Ballettunterricht. Von ihrem Onkel Michailow bekam sie einen Malkasten geschenkt. In der dortigen Mal- und Zeichenschule wurde sie unterrichtet und erlernte die Technik der Ölmalerei bei Professor Telbergs. 1938 eröffnete sie die erste eigene Ausstellung ihrer Gemälde in Riga. Ihre Kindheit und Jugend waren unbeschwert und glücklich. Sie studierte Mathematik, aber zu einem Abschluss gelangte sie nicht. Nach dem Stalin-Hitler-Pakt annektierte die Sowjetunion Lettland, die anderen baltischen Staaten und Ostpolen. Tatjana war verlobt, aber sie entschied sich für ein Künstlerleben und heiratete nicht. Mit ihren Eltern blieb sie vorerst in Riga, bis sie im März 1941 nach Deutschland umsiedelte und als Reichsdeutsche eingebürgert wurden. Im Juni eroberte die deutsche Wehrmacht das Baltikum. Die gesamte Familie zog wieder in ihre Heimatstadt zurück. Das Blatt der Geschichte wendete sich. 1945 flohen sie vor dem Heranrücken der Roten Armee. Auf der Flucht gingen ihre sämtlichen Arbeiten verloren. Die Familie wurde in Berlin einquartiert und dort total ausgebombt. Danach reisten sie zu Verwandten nach Zwickau. Vom Bahnhof kommend, erblickten sie den Turm vom Dom St. Marien. Er ähnelte dem der St. Petrikirche in Riga. Dieser erste Eindruck erinnerte an die geliebte Heimatstadt und wurde für Tatjana lebensbestimmend. Sie blieb über 55 Jahre in Zwickau. Ihre neue Heimat wurde die Wohnung in der Emilienstr. 12. Dort lebte sie zusammen mit Vater, Mutter, Vetter und Tante in der kleinen Wohnung. Ein eigenes Atelier hatte sie nicht.
Nachdem die Rote Armee
1945 in Zwickau einzogen war, wurden ihre Russischkenntnisse gebraucht. Sie
wurde als Dolmetscherin eingesetzt. In der Höheren Handelsschule
konnte sie ohne pädagogischen Abschluss als Russischlehrerin wirken. Von 1950
bis 1978 unterrichtete sie als Lehrerin für Kunsterziehung und Russisch am Gerhart-Hauptmann-Gymnasium.
Sie hat als Dozentin die Mal- und Zeichenschule in Zwickau mit aufgebaut und
bis zu ihrer Schließung 1963 mit verantwortet. Sie pflegte ihren Vater und ihre
Mutter bis zum Tode. Während dieser Zeit hat sie sich vom Schuldienst suspendieren
lassen. Sie lebte mit ihrem Vetter als einzigem Verwandten zusammen, bis er
starb. Die Katze Murka - oder Murkchen, wie sie den Kater nannte - war bis zum
letzten Jahr ein lebendiger und treuer Begleiter. Das Haus in der Emilienstraße
wurde renoviert und sie zog in die Reichenbacher Straße. Seit Ende der 70er
Jahre konnte sie ihre Werke in verschiedenen Ausstellungen präsentieren. 1990
erkrankte sie und litt seitdem an Sprachfindungsstörung. Ihr künstlerisches
Schaffen war beeinträchtigt. Trotz allem blieb sie bis zum Tode geistig rege.
Jeder Besucher profitierte von ihrer Weisheit und Lebenserfahrung. 1998 wurde
sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Zwickau ernannt. Sie wollte in kein Alten-
oder Pflegeheim gehen. Wegen einer Lungenbestrahlung musste sie ins Krankenhaus.
Am letzten Sonntag verstarb Tatjana Lietz.
An dieser Stelle soll denen gedankt werden, die sich um sie gesorgt und gekümmert
haben.
2.) Was wurde bei denen ausgelöst, die mit Frau Lietz zu tun hatten? Es waren die Schüler, die sie 28 Jahre im Gerhart-Hauptmann-Gymnasium unterrichtete, und die privaten Zeichenschüler, für die Tatjana eine Malmutter war. Es waren die Familien Dr. Roland Gabler und Christian Siegel als die engsten Vertrauten. Tatjana Lietz besaß eine ungebrochene Liebe zur alten Heimat. Sie bewahrte ihre russisch-deutsche Natur. Die Wohnung in der Emilienstraße 12 war wie eine baltische Insel oder eine Art Enklave. Die Familie hielt Verbindungen mit anderen lettischen Vertriebenen. Tatjana scharte Intellektuelle um sich, so dass von einem Salon Tatjana Lietz gesprochen wurde. Sie erstellte ein künstlerisches Credo: "Die Kunst sollte den Menschen lehren, die Schönheiten der Welt zu erkennen." Mit Liebe und weitem Herzen hat sie Kunst vermittelt. Für sie war es geistiges Brot, das weitergereicht werden musste. Sie tat es mit offenen Händen und legte dieses wie kleine Samenkörner in die Schüler hinein. Später wuchs daraus ein eigenes Verständnis und Interesse für Kunst. Außenstehende - kleine Geister, wie Tatjana sie nannte - haben oft ihre derbe Art und ihre burschikosen Ausdrücke nicht verstanden. Es wirkte abstoßend oder beleidigend. Zum Beispiel, wenn sie sich über jemand ärgerte, konnte sie sagen: "Was kann man vom Ochsen erwarten als Rindfleisch." Wer sie kannte, der wusste, sie hing nicht an materiellen Dingen. Geld und Mode waren ihr einerlei. Sie war großzügig und anspruchslos. Sie hat die Seele der Menschen gesehen. Sie hat gern gegeben. Sie stand über den Dingen und versuchte, Menschen zu bilden. Sie lieh Bücher aus, die in der DDR auf dem Index standen. Trotz ihrer äußerlichen Laschheit war sie ein disziplinierter Mensch. Sie stand früh 6 Uhr auf und achtete auf bürgerliche Etikette. In den letzten 10 Jahren ging sie nicht mehr aus ihrer Wohnung. Jeder, der sie besuchte, war von ihr fasziniert, denn von ihr ging etwas aus. Es war eine Freude, ihren Erzählungen zuzuhören. Sie konnte sich einwandfrei artikulieren und beherrschte eine Mimik wie bei Schauspielern. Es machte Freude, ihr zuzusehen und zuhören, weil ihre Schilderungen mit den Bewegungen übereinstimmten, als würde sie ein lebendiges Bild malen. In ihrem künstlerischen Schaffen stand der Mensch im Mittelpunkt. Sie schuf viele Porträts von Zwickauer Persönlichkeiten. Sie liebte die Natur- und Landschaftsmalerei. Das Fliedermalen wurde zur Tradition. Nachsinnende Betrachter und Experten können in den Ölgemälden Tatjanas Stimmungen empfinden, in denen sie sich befand: Trauer, Leid, Freude, Hoffnung, Sorge, Sehnsucht ... Sie besaß die Gabe, ein Stück der Seele mit Farbtupfern und Farbnuancen einzufangen und festzuhalten. Sensible werden von der seelischen Komposition berührt. Tatjana Lietz schlug aus ihrer Kunst kein Kapital. Für sie war die Malerei ein Talent, das Gott ihr geschenkt hatte.
Sie lehnte das Zusammengehen von Kunst und Politik ab. Trotzdem war sie ein politisch denkender Mensch. Sie nahm mit wachem und kritischem Geist die Geschehnisse der Weltpolitik auf und war bis zuletzt an den Weltereignissen interessiert. Ihre demokratischen Rechte hat sie sich nicht nehmen lassen. Trotz der gegenwärtigen Wahlmüdigkeit der Region hat sie stets von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Es soll auch nicht verheimlicht werden, dass sie nicht in den damaligen sozialistischen Schulbetrieb passte. Sie wurde hin und wieder wegen ihres bürgerlichen Verhaltens von der Direktorin gemaßregelt. Sie sprach immer wieder von drei Leidenschaften, die für sie sein mussten: lesen, malen, rauchen. Humorvoll sagte sie, wenn sie jemals stehlen und kriminell werden sollte, dann würde sie Bücher stehlen. Zur letzteren Leidenschaft gebrauchte sie oft das Sprichwort: "Zigaretten mit Filter ist wie Schnaps ohne Alkohol." Das starke Rauchen war auch die Ursache ihres Todes. Für Tatjana Lietz kann keiner mehr etwas tun. Sie ist von uns gegangen. Von ihr können wir nur noch in der Vergangenheit erzählen, und sie in Erinnerung behalten. Sie war einmal. Trotzdem können Glaubende immer noch von einer Zukunft reden. Tatjana war auch eine glaubende Frau.
3.) Sie hielt fest an ihrem orthodoxen Glauben. Orthodoxe Christen haben eine andere Frömmigkeit als wir evangelisch-lutherische Christen. Orthodoxe nähern sich Gott über andere Wege und erleben ihn auch anders als wir in unserem evangelischen Glauben. Die Andersartigkeit dieser Frömmigkeit scheint die Ursache zu sein, dass sie die Sachlichkeit unseres Glaubens ablehnte. An einem Symbol will ich es verdeutlichen. Der Priester schenkte Tatjana zur Taufe ein gesegnetes Kreuz. Dieses Kreuz trug sie ihr ganzes Leben lang auf der Brust. Sie war in großer Sorge darum, als sie zur Bestrahlung das metallene Kreuz ablegen musste. Sie bestand darauf, das Kreuz wieder angelegt zu bekommen und mit diesem zu sterben und beerdigt zu werden. Jetzt liegt sie mit ihrem Taufkreuz auf der Brust im Sarg und wird damit zu Grabe getragen.
Für den orthodoxen Christen ist ein gesegnetes Kreuz mehr als ein Kreuz. Er sieht weiter und tiefer. Über so ein Zeichen nähern sie sich Gott. Sie haben das Empfinden, am Kreuz hinge Jesus Christus. Er starb für mich und die ganze Welt. Der Kreuzträger darf gewiss sein, dass der Heiland für ihn da ist. Jesus Christus wird zur Erfüllung bringen, was er verheißen hat - das ewige Leben. Orthodoxe Christen kennen diese Verehrung und Verbundenheit, die in der Fachsprache als Idolatrie bezeichnet wird, aber in der Kirchengeschichte zu theologischen Diskrepanzen führte. Orthodoxe glauben ganz real, dass über solche Symbole eine persönliche und innige Verbindung mit dem Herrn der Welt entsteht. Vielleicht ist diese Verobjektivierung des Heils eine Ursache dafür, dass die orthodoxen Kirchen in den einst atheistischen Ländern einen so großen Zuspruch erfahren. Der Mensch braucht so etwas in der kalten und rauen Welt. Gott wird hereingeholt in den Alltag. Es ist auch für mich verwunderlich, wie ehemalige Kommunisten in den einstigen Sowjetrepubliken fromm werden können. Die deutsche Nüchternheit der Frömmigkeit könnte eine der Ursachen sein, dass in unserem Land die Kirche und der christliche Glauben keinen Zuspruch erfahren. Demgegenüber haben andere Heilslehrer und Sekten Zulauf, weil sie religiöses Empfinden auffangen und damit arbeiten. Der Mensch möchte mehr sehen und das Unbegreifliche des Glaubens festhalten als Brücke zum Glauben.
Tatjana Lietz war keine Kirchgängerin. Ihr war der evangelische Gottesdienst zu nüchtern. Auch bei den Katholiken fand sie keine Heimat. Aber zu Hause las sie in ihrer russischen Bibel und betete aus dem Gebetbuch. Auch hing in ihrer Wohnung ein Zarenbild. Das drückte Verehrung zu dem weltlichen und geistlichen Herrscher aus. Für sie waren Bilder mehr als nur etwas Festgehaltenes auf einem Blatt Papier. Sie war auf ihre Weise mit Gott verbunden und suchte bei ihm Hilfe und Rat. Wir dürfen über ihren Glauben nicht urteilen. Das wäre vermessen und steht uns nicht zu. Das Urteil bleibt allein Gott überlassen. Sie wollte sterben und hatte davor keine Angst. In den letzten Gesprächen setzte sie sich mit den Engeln und dem Himmel auseinander. Sie suchte den Ort, wo sie hinkommen könnte. Sie wollte sich das Kommende schon traumhaft vorstellen, was ihrer Künstlerseele entsprach. Jetzt ist sie heimgerufen worden. Wir sind noch zurückgeblieben. Wir wollen den Glauben und das Vertrauen aufbringen, Tatjana schaut jetzt bereits mehr, als wir es mit unserem Verstand können. Sie ist bei Gott. Sie ist in seinen Händen gehalten und geborgen.
Als Tatjanas Vermächtnis möchte ich weiterreichen: Lebt den einfachen, schlichten und bescheidenen Glauben an Jesus Christus. Er ist der Herr über Leben und Tod. Dieser Glaube allein führt uns zu Gott.
Ausarbeitung erschienen: Christian Siegel, Bilderwelten Tatjana Lietz, Chemnitz
Verlag 2002
Das Bild von Pfarrer Dr. Edmund Käbisch, das Tatjana für den Dom in Zwickau gemalt hat, darf nicht aufgehangen werden. (Link)
aus "Freie Presse" vom 8. April und 18. Juni 2009